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Freitag, 19. Januar 2018

Fantasy Filmfest Highlights 2017

Inzwischen wird man von den Machern des Fantasy Filmfests ja eigentlich das ganze Jahr über gut betreut. Zwei Wochenenden im Januar bzw. April verkürzen die Wartezeit auf das große Festival im Sommer, das inzwischen 11 Tage dauert. Da sind selbst in eher schwachen Jahren immer einige Entdeckungen dabei, von denen die meisten nicht den Weg ins Kino finden. Um diese schönen Filme soll es hier gehen.

Bereits im Winter bzw. Frühling liefen bei den White Nights bzw. Nights jeweils zwei Filme, die es sich lohnt hervorzuheben.

The Invisible Guest
Oriol Paulo, Regisseur des nicht minder zum Miträtseln einladenden Films "The Body", hat hier einen temporeichen Krimi inszeniert, den selbst Tatort-Hasser wie ich lieben können. Exzellentes Timing, zahlreiche Drehungen und Wendungen, die aber nie zu weit hergeholt sind. Ich habe auch beim zweiten Gucken keine Logiklöcher entdecken können und damit gleich hatte zweimal großen Spaß an diesem spannenden und intelligenten Film.



The Transfiguration
Weniger zugänglich, aber sehr faszinierend fand ich diesen Vampirfilm im Stile eines britischen Sozialdramas. Oder war es ein Sozialdrama im Stil eines Vampirfilms? Egal, „Vampir“ ist hier einmal mehr die passende Metapher für einen Außenseiter, und der Film ist so britisch, dass der geneigte Englischlehrer jubelt.



Sweet Sweet Lonely Girl
Sehr stimmungsvoller Low-Budget-Gruselfilm mit dezenten Dario-Argento-Anleihen. Weit weniger aufdringlich als Filme wie "Amer" - und damit auf die Dauer auch weit weniger nervig: Denn der Film will nicht nur ein Stilfeuerwerk sein, sondern erzählt auch gekonnt eine Geschichte von Einsamkeit und der Sehnsucht nach Freundschaft und Liebe. Jump-Scare-Freunde waren enttäuscht, Arthouse-Fans (wie ich) nicht.



Going to Brazil
A propos Arthouse. Von nichts ist diese letzte Empfehlung weiter entfernt. "Going to Brazil" ist eine französische, weibliche „Hangover“-Variante mit ein wenig Pulp-Fiction-Gewalt und vier extrem gutaussehenden Damen. Popcorn-Kino wie es sein soll.




Das sommerliche Filmfest fand für mich dann zwar mit Dauerkarte, aber unter erschwerten Bedingen statt: laufender Schulbetrieb, davon drei volle Tage Prüflesen für‘s Landesabitur in Wiesbaden, und an einem der Wochenenden auch noch das Golden Leaves Festival in Darmstadt, das zu besuchen inzwischen praktisch Familientradition geworden ist.
Insofern war der Blick ins Programmheft nun, einige Monate danach, interessant, denn so schwach wie ich ihn in Erinnerung hatte war der 2017er-Jahrgang gar nicht. Vielmehr war die Ablenkung so vielfältig, dass offensichtlich einfach meine Erinnerung schwach war. Daher hier, mit aufgefrischter Erinnerung, noch die Highlights.

Raw
Eigentlich mein Lieblingsfilm dieses Jahrgangs. Eine radikale Coming-of-Age-Geschichte, die Kannibalismus als Metapher nutzt und nicht davor zurückschreckt, ihn zu zeigen, wenn es der Geschichte und ihrer Atmosphäre dient. Über die individuelle Ebene hinaus bietet der Film auch einige Seitenhiebe auf Leistungsorientierung und Normierung im Bildungssystem. Eine ziemlich rohe Welt, die Raw da zeigt (*Tusch* für‘s Wortspiel), und leider eine ziemlich reale.



A Sicilian Ghost Story
Pure Poesie bietet diese italienische Geister-, Mafia- und erneut Coming-of-Age-Geschichte. Sehr stimmungsvoll, sehr metaphysisch und doch nie in die Kitschfalle tapsend. Eine große Geschichte für die große Leinwand und einer dieser Genrehybride für die ich das Filmfest nach wie vor liebe.




Land of the Little People
Die Referenz "Lord of the Flies" wurde in Programmheft und Gesprächen im Kino oft bemüht und sie ist unübersehbar. Nur dass die Jugendlichen in diesem israelischen Film nicht auf einer Insel auf sich selbst gestellt sind, sondern in einem zivilisierten, aber von fortwährenden kriegerischen Auseinandersetzungen ausgezehrten Land des 21. Jahrhunderts. "Land of the Little People" zeigt unaufdringlich inszeniert, aber eindringlich in seiner Wirkung die psychologischen Folgen dieses Zustandes. Sehr spannend, beeindruckend und bei mir lange nachwirkend.




Fashionista
Noch so ein Genre-Hybrid. Das als Psychothriller getarnte Charakterdrama einer mit sich selbst unzufriedenen Frau, der es an Liebe, Anerkennung und Selbstachtung fehlt und die das durch einen Kleidungsfetisch kompensiert. Clever erzählt (mit zahlreichen Vorblenden – statt Rückblenden, die dem Zuschauer an passender Stelle stets ein paar Informationsbröckchen zuwerfen, um ihn über den weiteren Verlauf der Story spekulieren zu lassen) und schauspielerisch in der weiblichen Hauptrolle herausragend. Ein unerwartetes Highlight.



My Friend Dahmer
Ich mag eigentlich keine Filme über reale Serienkiller. Denn oft werden hier Deppen bzw. Verbrecher glorifiziert und mystifiziert. Meine Vorbehalte gegen "My Friend Dahmer" waren jedoch unbegründet, denn der Film zeichnet lediglich das Abschlussjahr Jeffrey Dahmers an seiner Highschool nach und ist damit eher eine Highschool-Geschichte mit den üblichen Typen, und zwar eher im Stil von "American Graffiti" als von "American Pie". Insofern geht es viel um Rollengefüge und das Streben nach Akzeptanz und Anerkennung in einem Mikrokosmos, der nur wenig Abweichungen zulässt. Und da wir ja auf dem Fantasy Filmfest und nicht beim „Kleinen Fernsehspiel“ sind wird das alles sehr unterhaltsam, mitunter spannend und vor allem mit viel Liebe zum 70er-Jahre-Detail inszeniert.



Hounds of Love
Am letzten Tag am Nachmittag versteckte sich dieser Schlag in die Magengrube. Menschliche Abgründe, wie sie auf dem FFF alle Jahre wieder serviert werden. Am ehesten musste ich an den unvergesslichen "An American Crime" aus dem Jahr 2007 denken, der selbst hartgesottene Dauerkartenbesitzer zum Weinen brachte. Wobei dieser Film in Australien spielt und zeigt, dass die Abgründe universell sind.



Killing Ground
Für mich der beste Thriller des Festivals. Ein Pärchen will sich ein schönes Wochenende machen und zeltet in der freien Natur. Kann ja nur schiefgehen. Kennt man, wird hier aber extrem spannend einmal mehr durchgespielt.



Marlina the Murderer in four Acts
Das hingegen kannte ich noch nicht: ein feminsitischer, philippinischer Rachefilm in Stile eines Italowesterns. Langsam erzählt, weshalb man die exquisiten Bildern so richtig in sich aufsaugen kann, mit lakonischem Humor und toller Musik. Konsequent bis zum Ende, überzeugender als jede Me-too-Kampagne und damit im Jahr 2017 brandaktuell. Läuft seit gestern übrigens im Kino.




Freitag, 6. Januar 2017

Das Filmjahr 2016

Lieblingsfilme:


Arrival
Ein Film, der auf allen Ebenen herausragend ist. Grandiose Regie, fantastische Hauptdarstellerin, spannende und intelligente Geschichte. Alien-Science-Fiction mit menschlicher Botschaft. Mein Film des Jahres.



Ich, Daniel Blake
Ken Loach meint es weiterhin ernst und hat einen Standpunkt. Britisches Working-Class-Kino der alten Schule, wie es sonst keiner beherrscht. Emotional, aber nie kitschig; politisch, aber nie abstrakt. Das Herz schlägt weiterhin links.



The Neon Demon
War bei Publikum und Kritik nicht gerade beliebt – ich fand ihn super. Viel Oberflächenfetisch mit Kritik an Oberflächlichkeiten und absurd blutigem Finale. Wie kann man das nicht geil finden?!



Vor der Morgenröte
Josef Hader spielt Stefan Zweig und beeindruckte mich sehr. Ein Film über die Ohnmacht eines Intellektuellen in politischen Krisenzeiten, und damit weit mehr als das übliche Biopic für Lesefaule.



The Witch
Paranoia und Okkultismus im wenig besiedelten Nordamerika des 17. Jahrhundert. Inklusive der Sprache der Zeit. Verstörend, visuell faszinierend und ziemlich spannend. Mein Horrorfilm des Jahres.



Wiener Dog
Etwas Angst hatte ich vor dem neuen Film des Gute-Laune-Vermiesers Todd Solondz. „Happiness“ halte ich nach wie vor für den schlimmsten Downer-Film aller Zeiten. In seinem Episodenfilm über Dackel geht es auch um menschliche Abgründe und Abartigkeiten, aber es überwog die Witzigkeit. Zumindest für hartgesottene Titanicleser.



Naher ferner Osten
Ein Tscheche reist in die Ukraine um den dortigen Konflikt besser zu verstehen – und hat so manche ernüchternde Begegnung. Grandioser Dokumentarfilm, dem es gelingt, beiden Seiten gerecht zu werden und dabei doch klar Position zu beziehen. Ein Film, der sein Publikum ernst nimmt und es selbst seine Schlüsse ziehen lässt. In Zeiten ideologisch aufgeplusterter Nachrichtenberichterstattung ein wohltuend unaufgeregter, sachlicher und um Fairness bemühter Zugang zu einem extrem schwierigen Thema. Gesehen auf dem Go-East-Filmfestival in Frankfurt.



Menschen am Sonntag
Ein besonderes Kinoerlebnis im Offenbacher Hafen 2: die isländischen Elektroniker Múm vertonen live den Stummfilmklassiker „Menschen am Sonntag“. Und der ist als solcher schon ein Meisterwerk – sozialer Realismus, Alltag (bzw. ein Sonntag) im Deutschland der 1930er, der zeigt, dass in diesem Land in dieser Zeit ganz normale Menschen mit ganz normalen Träumen, Wünschen und Hoffnungen gelebt haben und nicht nur Hitlers zukünftige Helfer, Opfer und Vollstrecker.




Auch gut:


Green Room
Unangenehmes, aber sehr spannendes und zunehmend gewalttätiges Action-Kammerspiel. Mit vielen Typen, denen man nicht im Dunkeln begegnen will.



The Lobster
Der schönste alternative Liebesfilm des Jahres, mit ein wenig dystopischer Gesellschaftskritik und viel absurdem Humor.



A Bigger Splash
Tilda Swinton als der Stimme beraubte Sängerin wird an ihrem italienischen Rückzugsort von Großmaul Ralph Fiennes be- bzw. heimgesucht. Es geht um Zwischenmenschliches. War ich wohl gerade in der Stimmung für, hätte mich an anderen Tagen vielleicht genervt.



Pelo Malo
Hartes Sozialdrama und ergreifende Initiationsgeschichte aus Venezuala. Ein Land, in dem man nicht unbedingt leben möchte.



Money Monster
Ich habe ein Herz für Filme mit einem klaren Standpunkt. Ja, von mir aus naiv und unrealistisch. Sympathisch altmodische Medien- und Bankenkritik mit zwei Stars von früher (George Clooney und Julia Roberts) unter der Regie eines Stars von früher (Jodie Foster). Spannend und mit Gesinnung.



Meine Brüder und Schwestern im Norden
Die Dame, die uns „Full Metal Village“ beschert hat, hat wieder einen Heimatfilm gedreht. Dieses Mal durfte sie in den isolierten Norden ihrer eigentlichen (oder anderen?) Heimat Korea reisen und dort einfach mal die Kamera draufhalten. Unter Aufsicht, versteht sich. Faszinierende Einblicke in eine bizarre Parallelwelt, geschickt eingefangen, da ohne offensive ideologische Botschaft. Auch hier traute man dem Zuschauer wohl zu, eigene Schlussfolgerungen ziehen zu können.



Nocturnal Animals
Nicht so sensationell wie man mancher Orten lesen kann, aber ein visuelles Prachtstück mit Amy Adams und Michael Shannon, also meiner Schauspielerin und meinem Schauspieler des Jahres. Da kann man schon mal darüber hinwegsehen, dass man diese Art Plot an sich alle Jahre wieder auf dem Fantasy Filmfest sehen kann.



DVD-Entdeckungen:


99 Homes
Michael Shannon und Andrew Garfield in einem sehr spannenden Film über... äh... Zwangsräumungen. Engagiert und energiegeladen, so als würde Ken Loach einen Thriller drehen. Und Michael Shannon tritt den Beweis an, dass man auch skrupellose Finanzhaie als gebrochene Charaktere spielen kann.



Bruchreif – The Maiden Heist
Ja, okay, es sind harte Zeiten. Da hat man sich doch auch mal etwas Entspannung verdient, oder? Hier ist meine Empfehlung: Morgan Freeman, Christopher Walken und William H. Macy als ungeschickte Kunsträuber. Herzerwärmende, leichte Unterhaltung mit drei glänzend aufgelegten Stars alter Schule. Erhältlich an jedem unsortierten Grabbeltisch. Oder bei einem eurer Streaming-Dienste.



The Invitation
Paranoia-Thriller, der mir auf dem letzten Fantasy Filmfest durch die Lappen gegangen ist. Sehr stylish, mit Gespür für Spannungsaufbau und Timing. Sollte man für den vollen Effekt aber unbedingt in einem abgedunkelten Raum sehen.




Fantasy Filmfest Top 5:

Jetzt mache ich es mir selbst mal schwer. Denn der Jahrgang 2016 war für mich ein ziemlich ergiebiger. Das sieht man schon daran, dass sich mit The Witch, Green Room und The Lobster drei Filme in die obigen Listen gemogelt haben, die ich eigentlich ursprünglich auf den Fantasy Filmfest Nights gesehen hatte. Die wahren tollen Tage sind aber natürlich die elf im Sommer, und von den 39 Filmen, die ich da gesehen habe, erkläre ich die folgenden fünf zu meinen Favoriten:

My Big Night
Gleich mal der am wenigsten ins Festival passende Film zu Beginn. Alex de la Iglesias überdrehte Mediensatire ist der erste Film des Herrn, der mir nicht im letzten Drittel begann auf den Zeiger zu gehen. Einfach weil der leicht bis schwer hysterische Humor, der seine Filme meist prägt, hier passte und zudem durch gelungene Musicalnummern unterbrochen war. Ein grellbuntes Vergnügen.



Under the Shadow
Ein Film über Menschen im Krieg und die Rolle der Frau im Iran. Verpackt im Gewand eines Geistergruslers. Intelligent und effektiv.



They Call Me Jeeg Robot
Zu diesem Film notierte ich (Achtung, enthält SPOILER): 

"Der erste Fresh-Blood-Beitrag war für mich ein echter Knaller. Anti-Superheldenfilm, Gangster- und Mafiafilm, schräge Lovestory, ein bisschen Sozialdrama, etwas Action, ein bisserl Trash. Jeeg Robot ist eine Wundertüte, ein wunderbarer Film, zwischen Realismus und Fantasie, mit großen Sympathien für Verlierer und Träumer. Der Film ist ein Antisuperheldenfilm, weil er zwar eine Superhelden hat, dieser aber ein gebrochener Charakter ist. Nichts mit schwarz / weiß hier; alle möglichen Grautöne und tiefstes Schwarz. Ganz toll die geistig etwas eingeschränkte weibliche Hauptfigur, eine junge Frau auf dem geistigen Stadium einer 10 Jährigen, deren kindischen Verhalten, sich aber mehr und mehr als nachvollziehbare Realitätsflucht entpuppt; ebenso toll der Oberfiesling, der im Laufe des Films sein Interesse an Geld und Macht verliert und stattdessen lieber medialen Ruhm und Anerkennung will. Auf amerikanisch hätte das alles recht nervig überdreht werden können, in Händen des italienischen Regisseurs ist es hingegen angenehm geerdet und eher einem magischen Realismus verpflichtet als quietschbuntem Popcornkino."



The Girl with All the Gifts
Glaubt dem Hype. Es ist wirklich der beste Zombiefilm seit Jahren.



Into the Forest
Solche Filme sind der eigentliche Grund, warum ich jedes Jahr wiederkomme. Filme, die in keine Schublade passen. Ist das jetzt Arthouse oder Grusel? Ist das jetzt eine Familiengeschichte, ein Psychodrama oder doch ein kleiner, dezenter Horrorfilm? Alles drei natürlich, deshalb ist er ja so interessant.




Wiedersehen machte Freude:


Über folgende Filme habe ich hier oder anderswo bestimmt schon mal geschwärmt. Das wunderbare Mannheimer Cinema Quadrat ermöglichte es mir sogar, drei der sechs Filme noch mal auf mittelgroßer Leinwand zu sehen. Und fünf von sechs stammen von vergangenen Fantasy Filmfestlichkeiten, was erklären könnte, warum ich auch in diesem Jahr den Großteil meines Taschengeldes wieder zu diesem in die Jahre gekommenen Wanderzirkus tragen werde.

The Babadook




It Follows



Coherence


Boyhood



Der Unbestechliche / La French




New World




Enttäuschungen:

The Revenant
Im Internet las ich, dass Leute die Szene mit dem Bären so toll fanden, dass sie sie sofort noch mal sehen wollten. Die wären im 17. Jahrhundert in London am Sonntagnachmittag auch nicht in Shakespeares Globe Theatre gegangen, sondern in die benachbarte Bear-baiting Arena. Ich will diese Szene bitte NIE wieder sehen. Und die mit dem Pferd auch nicht. Und diesen ganzen überlangen, aufgeplusterten Überwältigungsfilm ohnehin nicht. Ja ja, alles oscarreif. Aber letztlich auch total belanglos.

High-Rise
Mein Liebling Ben Wheatley schießt über‘s Ziel hinaus. Nach einer Dreiviertelstunde optischem Hochgenuss für den 70er-Jahre-Designfreund wurde mir Wheatleys dystopische Klassenkampfallegorie im zweiten Teil allzu unübersichtlich, hysterisch und planlos. Und dabei wollte ich den Film doch so mögen.

Whiplash
Kommt eigentlich ein Jahr zu spät, aber ich wollte an dieser Stelle noch mal kurz sagen, dass ich diesen Film total nervig fand. Jazzmusik nervt per se schon, aber der Film noch mehr. Denn er erzählt mir einmal mehr, dass ich mich eben durchbeißen muss und dann kann ich alles erreichen. Klar, hier tut es mehr weh und der Lehrer ist ein Arsch. Aber am Ende hatte er ja dann doch recht. Pfui deibel.

Knock Knock
Eli Roth versucht einen sexy Psychothriller. Sexy klappt noch einigermaßen, an der Psychologie scheitert der Mann für‘s Grobe leider kläglich.

Snowden
Typischer Oliver-Stone-Film. Hatte aber erwartet, dass mich das so flasht wie weiland 1991 JFK. Nur leider hatten wir 2016 und ich habe inzwischen ein paar Filme mehr gesehen. Schade.



Und übrigens: 

mit der Ausgabe 26/2016 habe ich mein Filmdienst-Abonnement beendet. Nach 24 Jahren (mit einem Jahr Unterbrechung). Im Jahr 2017 stellt diese wunderbare Zeitschrift nämlich ihre Printausgabe ein. Denn wir haben ja jetzt Internet. Und Filmkritik kann ja nun wirklich jeder. Kostprobe gefällig? 

"Passengers ist wie Titanik nur halt im All. Allein schon wo am Ende einer von denen doch Überleben und wieder einschlafen könnte, aber beide nicht eingeschalafen sind, war es sehr Liebevoll. Einerseits war es auch in der Mitte voll Traurig als Sie erfahren hatte das Er Sie aufgeweckt hatte.
Es lohnt sich aufjedenfall anzusehen."  
(http://www.moviepilot.de/users/alpay-topuz)

In diesem Sinne auf schönes neues Kinojahr!

Dienstag, 5. Januar 2016

Das Filmjahr 2015

„Victoria“ ist der Film des Jahres,…

…den ich mir hätte schenken können.
Doch halt, ich greife vor. Vielleicht erst einmal etwas zu den besten Filmen des Jahres und dann zur „Rettung des deutschen Kinos“ im Jahr 2015.

Die besten Filme des Jahres

Von meinen drei Lieblingsfilmen des Jahres ist zumindest einer auch deutschsprachig: „Das ewige Leben“ ist die, wenn ich richtig gezählt habe, vierte Verfilmung eines Brenner-Romans von Wolf Haas. Schon „Der Knochenmann“ hatte mich mit seiner Mischung aus Misanthropie, Wortwitz und einer guten Geschichte, die die brillanten Dialoge und Situationen zusammenhält, begeistert. In „Das ewige Leben“ wird es für den Brenner existentiell persönlich und die Geschichte erhält damit eine zusätzliche Tiefe, die den anderen Verfilmungen fehlt. Dass der Spaß nicht darunter leidet, liegt nicht zuletzt einmal mehr am in seiner Rolle aufgehenden Josef Hader und dem ebenfalls grandios besetzten Tobias Moretti. Eine Sequenz für die Ewigkeit ist eine der wohl langsamsten Verfolgungsjagden aller Zeiten einen Berg hinauf, in der ein Herzinfarktpatient zu Fuß einem lahmenden Moped hinterher torkelt. Wer bei dieser Beschreibung nicht befremdet den Kopf schüttelt, sollte sich den Film unbedingt anschauen.


Wesentlich ernsthafter, aber nicht weniger existenziell geht es in „Leviathan“ zu. Der russische Film zeigt den Kampf des Jedermanns Kolya gegen einen korrupten Bürgermeister, der versucht, ihm sein Haus wegzunehmen. Vielleicht kann man den Film als Kommentar auf die Zustände im heutigen Russland sehen, wie vom deutschen Feuilleton genüsslich ausgebreitet, aber gerecht wird man dem Film nicht, wenn man ihn darauf beschränkt. Kolya ist ein Mann mit Schwächen: in seiner Sturheit erinnert er an einen abgeschwächten Michael Kohlhaas, der sich immer mehr auf seine gerechte Sache versteift und darüber den Blick für alles andere verliert. Umgekehrt ist der Bürgermeister einfach ein Machtmensch und Drecksack, wie man ihn sicherlich auch im eigenen örtlichen Gemeinderat finden könnte. Genau das macht aber eine Qualität des Filmes aus. Er funktioniert universell und ist mehr als ein Kommentar auf konkrete Zustände in einem bestimmten Land. Die andere Qualität des Films sind seine epischen Landschaftsbilder. Abgesehen davon, dass sie den Film zu einem optischen Genuss machen, kann man in sie auch inhaltlich so einiges hineininterpretieren (vgl. Feuilletonartikel). Ich habe sie in ihrer Größe und Weitläufigkeit vor allem als Kontrast zu den vor ihrem Hintergrund unwichtigen und fast schon lächerlichen Konflikten, die für die Beteiligten aber existentiell sind, gesehen. Insgesamt war ich trotz des langsamen Erzähltempos sehr eingenommen von diesem epischen und wuchtigen Film und bin es bis heute.


Temporeicher geht es im Oscar-Gewinner „Birdman“ zu, auch wenn erneut ein Mann in existenziellen Nöten im Mittelpunkt des Filmes steht. Michael Keaton spielt einen ehemaligen Superheldendarsteller, der als Theaterschauspieler reüssieren will und dem kurz vor der Premiere des Stückes zahlreiche Steine in den Weg gelegt werden. Lange habe ich den Filmbesuch vor mir hergeschoben. Oscarnominierungen beeindrucken mich wenig, Regisseur Iñárritu hatte mir mit „Amores Perros“ und „Babel“ zwei eher zwiespältige Kinoerlebnisse beschert und diese ewigen Künstlerdilemmata sind von meiner eigenen Lebensrealität doch recht weit entfernt. Der primäre Grund, den Film sehen zu wollen, war für mich Michael Keaton; der Anlass bot sich, als es bei den Fantasy Filmfest Nights eine Pause zwischen zwei interessanten Filmen zu überbrücken galt. Zum Glück. Denn einmal hat die Oscarjury richtig gelegen und einen wirklich außergewöhnlichen Film prämiert. „Birdman“ ist ein einziger Rausch. Die Kamera ist ständig in Bewegung, der Film erscheint fast ungeschnitten, als Zuschauer schwebt man mit Hauptfigur Riggan durch das Broadway-Theater und wird in dessen fiebrigen Gemütszustand hineingezogen. Zum Nachdenken bleibt keine Zeit, erst nach dem Film fallen einem ein paar Szenen eventuell als überzogen auf, aber während man den Film anschaut, erlebt man wirklich zwei Stunden lang Kino. Ein in allen Belangen überwältigender Film.


Womit ich zu „Victoria“ zurückkomme. Dieser Film wirkt nicht nur ungeschnitten, sondern ist es auch. Eine beeindruckende technische und vor allem auch logistische Leistung. Aber sonst? Junge Frau verliebt sich in einen Typen, der ein Kleinkrimineller ist (aber natürlich mit gutem Herz) und gerät so in eine brenzlige Situation. So lassen sich die zweieinhalb Stunden Handlung in einem Satz zusammenfassen. Wer da mehr gesehen hat („Das ist Berlin heute! Das ist das Lebensgefühl einer ganzen  Generation!“), dem gratuliere ich herzlich. Ja, ja, da sind schon nette Dialoge. Ja, ja, nachts besoffen durch Berlin torkeln, kenn‘ ick ooch. Aber spätestens als André M. Hennicke als Inbegriff des Klischee-Obergangsters auftaucht, habe ich jegliches Interesse an dem Film verloren. Und übrigens heißt ungeschnitten auch, dass man sieht, wie Personen in Echtzeit von A nach B kommen. Also inklusive Fahrstuhlfahrten, Tür auf, Tür zu, Kameramann hinterher und so. Und das dauert, wenn man nicht Iñárritus Mut hat, innerhalb einer ungeschnittenen Szene mal kurz einen halben Tag zu überspringen. Das würde natürlich voraussetzen, dass man seinem Publikum etwas gedankliche Mitarbeit zutraut, womit wir bei einem der Grundprobleme vieler deutscher Filme wären. Doch dieses Fass mit den Herren Schweiger und Schweighöfer, mit „Fack ju Göhte 2“ und „Bruder vor Luder“ lasse ich an dieser Stelle zu und stelle lediglich fest, dass ich „Victoria“ überschätzt und allenfalls „für einen deutschen Film“ ganz gut finde. Also zum Beispiel im Vergleich zu diesem Film, der übrigens auch in Berlin spielt:

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Die Filme des Jahres

Endlich ein neuer Bond. Gesehen habe ich ihn nicht, denn mit „Mission Impossible – Rogue Nation“ und „Codename U.N.C.L.E.“ hatte ich so viel Agenten- und Gut-gegen-Böse-Spaß, dass ich mir den humorlos wirkenden „Spectre“ mit dem als Bösewicht inzwischen überstrapazierten Christoph Waltz schenken kann. „Mission Impossible“ hingegen fühlte sich an wie ein Bond. Ein unbezwingbarer Held voller Körperlichkeit (erstaunlich überzeugend: Tom Cruise), dazu zahlreiche Gadgets und ein nerdiger Computerspezialist (wie erwartet perfekt in dieser Rolle: Simon Pegg), alles in allem also gepflegte Action mit dem nötigen Maß an Selbstironie; kein CGI-Inferno, keine Dumpfbacken-Oneliner, stattdessen bestes Hollywood-Kino für Menschen, die schon seit ein paar Jährchen Filme gucken.


Gleiches gilt für „Codename U.N.C.L.E.“, der jedoch in den 60ern zur Zeit des Kalten Krieges angesiedelt ist und an vielen Stellen erkennbar die Handschrift des Style-Over-Substance-Regisseurs Guy Ritchie trägt. Vielleicht ist das der Grund, dass der Film dermaßen gefloppt ist. Ich hatte jedenfalls sehr viel Spaß mit diesem temporeichen Stück Popcorn-Kino.



Aber mir hat ja auch der unisono gehasste Sci-Fi-Kitsch „Jupiter Ascending“ gefallen. A „glossy, entertaining hot mess“ schreibt ein Zuschauer bei der Internet Movie Database, und das trifft durchaus zu. Wenn man natürlich vom Genre Science Fiction Welterklärung, Testosteron-Action oder zumindest einen ernstzunehmenden Schurken wie Darth Vader erwartet, ist man hier falsch. Hier gibt es eine Aschenputtelgeschichte mit Mila Kunis, Ränken wie weiland im Denver-Clan und Eddie Redmayne als den überzeichnetsten Schurken des Jahres. Edeltrash vom Feinsten. Loved it!


Auch im Genre des Gangsterfilms mit politischem Subtext gab es für mich 2015 zwei herausragende Filme. Sowohl in J. C. Chandors „A Most Violent Year“ als auch in Denis Villeneuves „Sicario“ geht es um die Schwierigkeit, in einer verbrecherischen, korrupten und gewalttätigen Umgebung das Richtige zu tun und moralisch integer zu bleiben. In „A Most Violent Year“ versucht Oscar Isaac dies als Unternehmer im sumpfigen New York des Jahres 1981, in „Sicario“ Emily Blunt im Kampf gegen Drogenschmuggler an der US-amerikanischen Grenze zu Mexiko in der Jetztzeit. Chandors Film wirkt dabei dichter, die Geschichte runder und – trotz des sehr ansprechend inszenierten Zeitkolorits des Films – zeitloser als „Sicario“. Diesem zolle ich nach zweimaligem Sehen größten Respekt, und er enthält einige Sequenzen, die zu den besten zählen, die ich dieses Jahr gesehen habe – doch ins Herz schließen konnte ich ihn irgendwie nicht. Als faszinierend, aber seltsam artifiziell behalte ich „Sicario“ aber in sehr guter Erinnerung.    



Die beiden besten Horrorfilme des Jahres kannte ich schon vom letztjährigen Fantasy Filmfest. „The Babadook“ und „It Follows“ fanden im Jahr 2015 tatsächlich noch ihren Weg ins deutsche Kino. Was beide Filme großartig macht, ist, dass sie schon als reine Horrorfilme (Geistergeschichte respektive Untoten-Teenie-Slasher) ganz gut funktionieren. Richtig gut werden sie durch ihren jeweiligen Subtext. „The Babadook“ kann man problemlos auch als beklemmendes Psychogramm einer überforderten alleinerziehenden Mutter sehen,  „It Follows“, mal ganz verkürzt ausgedrückt, als psychologische, schwarzhumorige Studie zum Thema „wer fickt, stirbt“. Beide Filme haben überzeugende Darsteller (im Horrorgenre keine Selbstverständlichkeit), sind atmosphärisch, stilsicher und insgesamt einfach absolut großartig, und ich lege sie auch Leuten ans Herz, die mit Horror sonst wenig am Hut haben. 

Gestatten: Der Babadook


Wie bekomme ich jetzt die Kurve zu „Heidi“? Vielleicht indem ich erzähle, dass vernichtende Userkommentare auf der Moviepilot-Seite mein Interesse geweckt haben. Hier wurde dem Film vorgeworfen, dass er nichts mit der Trickfilmserie aus den 70ern gemein habe, dass er nicht genug lebensfrohe Szenen enthalte und somit für Kinder ungeeignet wäre. Klang großartig, war es auch. Ob der Film der Vorlage gerecht wird, weiß ich nicht, da ich nur die 70er-Jahre-Trickfilm-Serie kenne, aber ich muss sagen, dass ich ihn von dieser gar nicht so weit entfernt fand. Gut, der Film hat weniger Dauergegrinse und LSD-Farben. Auch hängt Heidi keine Schaukel zwischen den Wolken auf. Aber die Handlung war schon so, wie ich sie in Erinnerung hatte. Und ganz im Ernst finde ich, dass diese Heidi-Verfilmung von einer tiefen und ehrlichen Menschlichkeit geprägt ist, die vor allem dadurch zum Tragen kommt, dass die Lebensrealität auf dem Land bzw. eine Kindheit im 19. Jahrhundert hier realistisch und damit nicht unbedingt als angenehm dargestellt werden. Die sonstigen Pluspunkte des Films sind die wie erwartet großartigen Landschaftsaufnahmen und die unerwartet detaillierte Darstellung Alt-Frankfurts sowie Bruno Ganz, der mir als Alm-Öhi wesentlich besser gefallen hat als als Adolf Hitler.


Eine ganze Reihe guter Filme sah ich im Mannheimer Programmkino Cinema Quadrat, in dem man sich auf die geschmackssichere Auswahl der Macher verlassen kann. Hier bot sich mir die Gelegenheit, noch einmal die spanische Schneewittchen-Adaption „Blancanieves“ zu sehen, die mich auch beim zweiten Mal in Entzücken versetzte, und Abdellatif Kechiches „Blau ist eine warme Farbe“ nachzuholen. Kechiches Filme, zu denen auch „L’esquive“ und „Couscous mit Fisch“ gehören, lege ich allen ans Herz, die Filme über Zwischenmenschliches mögen. Normale Menschen in recht alltäglichen Situationen, die Kechiche geduldig beobachtet, und zwar durchaus mit Anteilnahme, aber immer noch so distanziert, dass der Zuschauer stets selbst entscheiden kann, was er von bestimmten Verhaltensweisen der Filmfiguren hält. Ähnlich subtil fand ich den argentinischen Film „Abrir Puertas y Ventanas“, in dem drei Schwestern nach dem Tod ihrer Großmutter lernen müssen, allein im Leben zurecht zu kommen. Der Großteil des Films spielt im Haus der Großmutter, das trotz der offenen Türen und Fenster, auf die der Filmtitel abhebt, wie ein goldener Käfig ist, aus dem die drei jungen Frauen lange nicht herauszutreten wagen. Ein auf den ersten Blick sehr leiser und handlungsarmer Film, der aber bei genauerem Hinsehen sehr dicht und konzentriert inszeniert ist und bei dem Kommunikation oft nonverbal abläuft. Ich fühlte mich sehr an meinen letztjährigen Arthouse-Liebling „Like Father,like Son“ erinnert.


Bevor es jetzt aber zu gefühlig wird, haue ich noch mal einen handfesteren Film raus. Sion Sono, der Garant für mehr oder weniger gepflegten Irrsinn, bereitete mir in diesem Jahr vor allem mit seinem Battle-Rap-Film „Tokyo Tribe“ große Freude. Eigentlich ein Musical, aber eben mir japanischer Rapmusik, Action, Gewalt, massig Spezialeffekten, waghalsigen Kamerafahrten und einem enormen Tempo; griechische Tragödie, Shakespeare, grellbunter Kitsch und Gangster-Pulp-Fiction. Und wer nach knapp zwei Stunden audiovisueller Überwältigung noch irgendetwas aufnehmen kann, bekommt am Ende sogar eine kleine menschliche Botschaft nachgeliefert. Wie schön. Oh, und Hut ab vor der Untertitelung dieses Filmes, der es tatsächlich größtenteils gelang, den Flow der gerappten Passagen so wiederzugeben, dass das Mitgelesene immer noch zur Musik passte. 


Ansonsten kann ich mit „Der große Demokrator“ und „Von Caligari zu Hitler“ zwei sehr spezielle Dokumentationen empfehlen. Eine DVD-Entdeckung war der Film „Locke“ (deutscher Titel: „No Turning Back“, ja, deutsche Verleiher halten ihr Publikum auch weiterhin für etwas minderbemittelt), in dem Tom Hardy auf einer Autofahrt wesentliche Lebensentscheidungen trifft. Der Film ist ein Kammerspiel auf engstem Raum (fast die komplette Handlung spielt im Auto) und eine schauspielerische Glanzleistung Hardys. Eine echte Entdeckung, die ich Freunden des Dialogkinos ans Herz lege.


Enttäuschend fand ich hingegen die durch und durch kommerzialisierten „Minions“, ein Film ohne Herz und Seele, der versucht, alles richtig zu machen, um einen möglichst großen Profit zu erwirtschaften. Und die kleinen gelben Anarchocharaktere werden einem in ihrer Omnipräsenz bald so zum Hals raushängen wie vor vielen Jahren Alf und Garfield am Ende ihrer Verwertungskette. Recht seelenlos und leider auch ziemlich prätentiös fand ich Alex Garlands „Ex Machina“, der zum Thema künstliche Intelligenz jetzt auch nicht so viel Neues und vor allem Interessantes sagen kann, wie er gerne würde. Und schließlich hatte ich mir auch von der Verfilmung von Tom Rob Smiths Roman „Child 44“ mehr versprochen. Ziemlich verkrampft kam diese hochkarätig besetzte Verfilmung daher, was mich letztlich viel mehr gestört hat als der unvermeidliche Verlust der Komplexität der Romanvorlage. Der Film ist weder spannend noch actionreich, sondern wirkt so, als wäre den Machern zu jedem Zeitpunkt bewusst gewesen, dass ihr Film hinter dem Buch zurückbleiben wird.

Schließen möchte ich aber mit einem letzten Kino-Höhepunkt, den es auch schon auf DVD zu kaufen gibt. „Die Legende der Prinzessin Kaguya“ ist ein Studio-Ghibli-Film, allerdings nicht vom bekannten Regisseur Miyazaki, sondern von Isao Takahata. Dessen Stil unterscheidet sich vor allem in der Ästhetik. Die Bilder wirken wie Tuschezeichnungen, sind teilweise extrem stilisiert oder wirken wie Skizzen und fast schon abstrakt, und dennoch ist der Film zart fließend animiert. Und so schön, dass man ihn immer wieder anhalten möchte, um ein Bild länger betrachten zu können. Dazu kommt die ungewöhnliche Geschichte des weiblichen „Bambussprösslings“, der von seinen wohlmeinenden, aber auch etwas eitlen Zieheltern aus einer einfachen, aber unschuldigen Welt im Lot herausgerissen wird und zur Adligen erzogen wird. Klingt schon wieder nach „Heidi“, geht aber inhaltlich weitaus tiefer und verwehrt dem Zuschauer ein Happy End. Ein bittersüßes Meisterwerk, das einen mit der Frage konfrontiert, wann man das letzte Mal so richtig glücklich. Und zwar nicht nur im Kino, sondern im wahren Leben.

Montag, 30. Dezember 2013

Das Kinojahr 2013


"Drive II" ist der Film des Jahres. Ach nee. Den gibt es ja gar nicht. Und das, obwohl der Film von so vielen Kinofreunden herbeigesehnt wurde. Only God Forgives verstörte die meisten und nur eine cineastische Avantgarde (Bernd Begemann und Kay Otto) fand den Film uneingeschränkt gut. Ich konnte mich bislang nicht durchringen, ihn zu sehen. The Place Beyond The Pines weckte im Trailer Hoffnungen, enttäuschte aber als schwerfälliges und langatmiges Cop-Gangster-Drama mit gewolltem Tiefgang. Da konnte auch Ryan Goslings Dackelblick nichts retten.

Nein, es fällt nicht leicht, den einen Film des Jahres 2013 im Sinne eines herausragenden, bleibenden, zukünftigen Klassikers vom Schlage "Drive" zu finden. Doch statt eines Paukenschlages gab es im Jahr 2013 viele kleine, nachhaltige Filme, die mir jetzt zwischen den Jahren wieder ins Gedächtnis kommen. 

Da ist zuallererst No! zu nennen, ein Film über die Werbekampagne gegen den chilenischen Staatschef Pinochet in den 1980er-Jahren und einer der seltenen Fälle, in denen ein Film mit einem politischen Thema auch optisch ein wahres Fest ist. "No!“ ist spannend als Film über jüngere chilenische Geschichte und zugleich über die Mechanismen von Werbung und politischer Propaganda. Formal ist er interessant, weil er die Videoästhetik der 1980er-Jahre konsequent als ästhetisches Mittel nutzt. Euphorisiert empfahl ich den Film nach dem Kinobesuch allen politisch Interessierten und Fans des 80er-Jahre-Langnese-Werbespots "Like Ice in the Sunshine“. Ich tue das immer noch und meine es ganz ernst.



Ein optisches Fest und eine unbedingte Empfehlung ist für mich auch Blancanieves. Ein Stummfilm in Schwarz-Weiß? War da in den letzten Jahren nicht schon mal so ein Film? Sicher, aber "Blancanieves“ ist kein zweiter "The Artist“. Der Film erzählt das bekannte Schneewittchen-Märchen vor dem Hintergrund von Stierkampf-und Flamenco-Kultur. Er ist letztlich eine Liebeserklärung an diese Kultur und an Spanien überhaupt. Bilder wie gemalt und Musik, die stets mehr ist als ein Soundtrack, eine Ausstattung mit Liebe zum Detail und exzellent besetzte Darsteller, ach, es stimmt einfach alles hier. Anders als mit "Beasts oft he Southern Wild“ im vergangenen Jahr bewies das Fantasy Filmfest Publikum hier Geschmack und würdigte den wirklich besten Film mit dem Fresh Blood Award. Und einen deutschen Kinostart soll es angeblich auch noch mal irgendwann geben.


Der dritte Film im Bunde, für den ich nur die Höchstnote zücken kann, ist Brian de Palmas Alterswerk Passion. Nein, kein Scherz. Über kaum einen Film las ich dieses Jahr so viel Schlechtes. Von mir aus. Ich mag De Palma, und zwar vor allem, wenn er auf glaubwürdige Charaktere und logische Handlungsentwicklung pfeift und seine Fetische auslebt: Sleaze-Ästhetik, fragwürdige Frauenbilder, stilisierte Szenen, die längst nicht mehr Hitchcock nacheifern, sondern früheren De-Palma-Filmen. War das französische Original der elegante Machtkampf zweier Karrierefrauen, nicht ohne Sozialkritik und mit gediegener Thrillerhandlung, ist De Palmas Version so überzogen und trashig, dass der Film jeglichen Anspruch auf Realismus zunehmend vernachlässigt und zu reinem Kino wird. Ob man diese Art von Kino mag, muss jeder selbst entscheiden, aber De Palma war sich selbst schon lange nicht mehr so nah wie in "Passion“


Ansonsten waren es erstaunlicherweise eher Dokumentationen, die mich in diesem Jahr am meisten beeindruckten. Vergiss mein nicht ist das berührende Porträt einer demenzkranken Frau, die zugleich die Mutter des Regisseurs ist, was dem Film eine Nähe und Emotionalität gibt, der man sich als Zuschauer nicht entziehen kann. Alphabet sagt letztlich alles zum Thema Erziehung und Bildung im frühen 21. Jahrhundert und prangert engagiert Standardisierungs- und Leistungswahn an:   "Die Verkürzung des Lebens auf die Ökonomie ist eine der schlimmsten Entwicklungen unserer heutigen Zeit". Das sagt in dem Film ein Ex-Personalchef der Telekom. Winternomaden schließlich zeigt, dass nicht nur große gesellschaftliche Themen Stoff für Dokumentarfilme liefern. Der Film zeigt die Winterwanderung zweier Schäfer mit ihrer Herde. Punkt. Und irgendwie doch nicht, denn ganz nebenbei findet man sich als Zuschauer hier immer mal wieder mit dem eigenen Lebensentwurf konfrontiert. 



Natürlich gab es auch im Mainstream-Kino so manche Perle. Argo wurde sicherlich nicht zu Unrecht mit einem Oscar bedacht: erfreulich sorgfältig ausgestattet und spannend inszeniert – gegen den Regisseur Ben Affleck kann man wirklich nichts haben, und selbst der Schauspieler Ben Affleck ließ sich hier ertragen. Life of Pi fand ich als Film wesentlich unaufdringlicher und spannender als als Roman und Ich – einfach unverbesserlich 2 war trotz manch vorhersehbarer Handlungselemente ein großer Spaß und bleibt dank Minions und Open-Air-Kinoerlebnis in der Mini-Stierkampfarena des südfranzösischen Les Saintes Maries de la Mer sicherlich dauerhaft im Gedächtnis.


Gelacht werden durfte auch bei The World’s End und Immer Ärger mit 40, wobei beiden Filmen ein wenig Tiefgang und menschliche Abgründe zugutekamen, die diese Komödien nicht zur reinen, auf die Dauer ermüdenden Ablachveranstaltung machten. Gleiches gilt für den belgischen Film Der Tag wird kommen, in dem der unverwüstliche Spätpunk Benoit Poelverde seinem scheiternden Spießerbruder (dargestellt vom unverwüstlichen Albert Dupontel) verdeutlicht, wie man einer Gewerbegebietshölle aus Supermärkten und Systemgastronomie den Stinkefinger zeigt. Alles andere als herzerwärmend, aber erfrischend böse und erfreulich subversiv.


Auch nicht gerade lebensbejahend geht es in The Broken Circle zu, auch ein belgischer Film, der von einem Musikerpärchen handelt, das den Verlust seiner Tochter verarbeiten muss. Harter Tobak, aber eine klare Empfehlung für Leute, die den Schlag in die Magengrube nicht scheuen und Filme mit emotionaler Wucht schätzen. Ähnliches gilt für Die Jagd, in dem sich ein Kindergärtner der Anschuldigung des sexuellen Missbrauchs ausgesetzt sieht.  Hier findet sich auch eine der herausragendsten  darstellerischen Leistungen des Jahres: ohne Mads Mikkelsen hätte ich diesen Film in der Konstruiertheit seiner Handlung vermutlich nicht so gut gefunden. Ebenfalls herausragend sind Joaquin Phoenix und Philip Seymour Hoffman in Paul Thomas Andersons sperrigem The Master. Als Film über Scientology und Sektengründe L. Ron Hubbard schwer zugänglich, funktioniert der Film vor allem in der Darstellung von Abhängigkeitsverhältnissen zwischen Menschen hervorragend.   


Wer mehr etwas für’s Herz sucht, dem empfehle ich Englisch für Anfänger oder, wie der viel lautmalerischere Originaltiel lautet, "English Vinglish“. Jawoll, ein Bollywood-Film. Und noch dazu die Selbstfindungsgeschichte einer mausigen Ehefrau, die ohne Englischkenntnisse nach New York geschickt wird, um dort bei den Hochzeitsvorbereitungen ihrer… äh… Nichte?...na ja, kann man ja googeln… zu helfen und dann in einem Englischkurs neue Freunde und sich selbst findet. Was wie ein Fernsehfilmplot aus der SAT1-Hölle klingt, ist so unfassbar sympathisch, witzig und unterhaltsam, dass man sich dem Charme des Films kaum entziehen kann.  Ähnliches gilt für Unter dem Regenbogen, den neuen Film von Agnès Jauoi, die mit "Lust auf Anderes“ einen meiner, na sagen wir mal, TOP 50-Filme ever gedreht hat. Worum geht’s? Ach, irgendwie um Selbstfindung, Klarkommen mit Enttäuschung und Verlust, den Versuch in einem gewissen Alter doch noch mal an einem eingefahrenen Leben etwas zu ändern. Das Übliche eben. Die große Kunst Jauois und ihres Co-Autors Jean-Pierre Bacri, der in dem Film einmal mehr sehr amüsant den wortkargen Misanthrop mittleren Alters gibt, besteht darin, dass diese Themen da sind, aber nie mit großer Geste im Vordergrund stehen. Stattdessen hat man das Gefühl, Alltag zu beobachtden, schließt viele der Charaktere, wie bei einer guten Serie, sofort ins Herz und ist traurig, dass der Film nach knapp zwei Stunden schon vorbei ist. Locker, fließend, charmant und mit Humor – so lasse ich mir Arthouse-Filme gern gefallen. Und diese Attribute gelten überraschenderwiese auch für den deutschen Film Eltern, ein Film, der eine Wohltat ist zwischen all den kalkulierten und mit Schmierseife angereicherten Schenkelklopfern der Schweigers und Schweighöfers einerseits und den furztrockenen Betroffenheitsfernsehspielen à la "krebskranke, alleinerziehende Mutter trifft stasitraumatisierten, arbeitslosen Frührentner, dessen Sohn unter dem Asperger-Syndrom leidet" andereseits. Witzig, warmherzig und doch nichts beschönigend, wunderbar gespielt von Christiane Paul und Charly Hübner als Eltern und mit zwei niemals nervenden Kinderdarstellerinnen – eine Wohltat eben.


Natürlich gab es auch sonst in diesem Jahr deutsche Filme, die ich gut fand und die mir im Gedächtnis blieben. Grenzgänger etwa, eine Dreiecksgeschichte mit einer Frau und zwei Männer vor dem Hintergrund des zerfallenden Ostblocks, ein unaufdringliches und intensives Kammerspiel über Zwischenmenschliches, und oh... ich lese gerade, es ist ein österrichischer Film. Dann aber Paradies: Hoffnung, der dritte Teil von Ulrich Seidls Paradies-Trilogie und einer der besten Kinoabende des Jahres, da der Regisseur im Kino des Filmmuseums Frankfurt anwesend war und sich im Anschluss den Fragen und der Kritik der Zuschauer stellte (dazu an anderer Stelle mehr), und, na gut, auch Seidl ist Österreicher. Aber schließlich Ursula Meiers Winterdieb, in dem ein Junge aus schwierigen Verhältnissen in einem Schweizer Wintersportort reiche Touristen beklaut und sich zugleich eine neue Identität fabuliert, für mich der beste Film des Jahres zum Thema Heranwachsen. Und, man ahnt es schon, ein Schweizer Film.
Dafür kam aus Deutschland der unsägliche Ludwig II., über den ich mich aber ausschweige, da dessen Regisseur Peter Schamoni inzwischen verstorben ist und man über Tote nichts Schlechtes sagen sollte.



Bleibt der Blick auf meine fünfte Jahreszeit, auf das Fantasy Filmfest. Bereits die Nights im März warteten mit drei echten Höhepunkten auf. Chan-wook Parks Hollywood-Debüt Stoker erschloss sich mir in seiner vollen Schönheit erst beim zweiten Sehen, denn hier konnte ich mich voll auf die Optik einlassen und die eher dünne Geschichte vergessen. Freunde der stilisierten Bilder kommen hier voll auf ihre Kosten. Sehr amüsiert hat mich John Dies at the End, bei dem ich den Vorteil hatte, nicht die Buchvorlage zu kennen, so dass mir Wahnsinnsgrad und Ideenreichtum dieser Verfilmung reichten. So richtig ins Herz geschlossen habe ich aber The Bay. Oscar-Preisträger Barry Levinson ("Rainman"!) hat hier einen schön fiesen Öko-Horror-Film gedreht, in dem sich Satire, Spannung und eben Horror die Waage halten. Für mich hat auch das Found-Footage-Konzept gut funktioniert, bei dem echte Experten und Logikfreaks schon wieder laut aufheulten. Ach, dann spielt doch ´ne Runde Schach oder schaut euch alte Knoff-Hoff-Shows an, ihr Spielverderber.


Auch das Sommerfestival war recht reich an Höhepunkten. Neben dem bereits bejubelten "Blancanieves" gab es mit The Body einen weiteren sehr starken spanischen Film, ein Mystery-Krimi zum Miträstseln, dem es sogar fast gelingt, die hohen Erwartungen in seiner Auflösung nicht zu enttäuschen (ja, ich habe wirklich erst sehr kurz vor der Auflösung begriffen, was genau hier passiert). Ein echter Höhepunkt war auch Mr Oizos neue Regierarbeit Wrong. Klang "Rubber" schon konzeptionell anstrengend, geht es in Wrong einfach nur um einen Mann, der seinen Hund sucht. Natürlich in einer nicht so ganz normalen oder eben "richtigen“ Welt, sondern in einer, in der es auch schon mal im Büro regnet (außer in dem der Chefin) oder ein Nachbar mit seinem alten Saab ins Nichts fährt. Die große Kunst dabei ist, dass der Wahnsinn nie überdehnt wird, sondern sich "right and wrong" immer soweit die Waage halten, dass man sich als Zuschauer von vorne bis hinten amüsiert und den Film nie von verrückt nach doof kippen sieht.


Ansonsten gab es auf dem Filmfest wieder feine Genrekost, die trotz bisweilen opulenter Produktion, wohl eher nicht den Weg in unsere Kinos finden wird. Vincento Natalis Haunter zum Beispiel, ein in den 1980ern angesiedelter Haunted-House-Horror-Film mit Twist, sehr schön und sorgfältig gemacht und erst gegen Ende hin erwartungsgemäß etwas überzogen, oder der nicht minder elegante Vampirfilm Byzantium von Altmeister Neil Jordan, der so manchem Connaisseur als redundant auf den Sack ging, mich schlichtes Gemüt aber fabelhaft unterhielt. Auch der existentialistische Spätwestern Sweetwater mit einer Glanzleistung des alten Haudegens Ed Harris wusste mir optisch und inhaltlich zu gefallen (ich sage nur: das Messer im Mahagoni-Tisch).
Von den schmutzigen, kleinen Filmen möchte ich besonders The Human Race erwähnen, ein typischer Film aus dem FFF-Nachmittagsprogramm mit fragwürdigen Darstellern, aber einer spannenden Geschichte, in der sich eine Gruppe Leute plötzlich in einem Wettrennen auf einem abgesteckten Parcours befindet, das nur einer überleben kann. Wer zu langsam ist oder auf’s Gras tritt, fliegt sprichwörtlich in die Luft. Wunderbar düster, fies und nihilistisch. Und um mein Image und das des Festivals aufzupolieren erwähne ich gleich hinterher die "Lord of the Flies"-Variation I Declare War, ein nur mit Kindern besetzter Film, in dem es um spielende Kinder geht und der auch Erwachsenen so einiges zum Thema Wettbewerb und Gruppenzwang erzählt. So pädagogisch wertvoll, dass sich fast der Einsatz im Unterricht empfiehlt. Auch wenn der Trailer erst mal nicht so aussieht.


Die besten Asiaten waren für mich New World und Drug War von den Regieschwergewichten Hoon-jung Park ("I Saw the Devil") und Johnnie To. Bei beiden Filmen gefielen mir überraschenderweise vor allem die geschliffenen Dialoge. Optik und, vor allem bei Johnnie To, Shootouts gab es praktisch obendrauf. Und, nein, ich sehe "Drug War" nicht als systemkonformen Propagandafilm, bloß weil chinesische Polizisten sympathisch dargestellt werden und die ein oder andere Ermittlungsmethode nicht ganz so sauber ist, wie, sagen wir mal, in den USA zum Beispiel. Ein Gangsterfilm ganz anderer Art war der dänische Northwest, der in seiner Darstellung eines vorstädtischen Kleinkriminellenmileus das Rad sicherlich nicht neu erfindet, aber eine mitreißende und ausweglose Geschichte erzählt und glaubwürdig darstellt, wie schnell man aus prekären Verhältnissen auf die schiefe Bahn geraten kann.    
Und schließlich bietet das Filmfest ja immer wieder diese Arthouse-Genrefilm-Hybride, die ich so liebe. Von diesen möchte ich an dieser Stelle den mutigen Dark Touch erwähnen, der wie ein Gruselfilm mit bösem Kind daherkommt, in Wahrheit aber ein Film über sexuellen Missbrauch ist. Harte Kost, sicherlich nicht völlig überzeugend, aber mit außergewöhnlichen Bildern und Symbolen und aus der Masse der Filme insofern herausragend, als dass ich mich an ihn auch jetzt noch sehr lebhaft an ihn erinnern kann.


Warum fehlen eigentlich Filme wie Gravity oder Rush in diesem Rückblick? Na ja, ich habe sie nicht gesehen, da ein "Lebensereignis“ (Facebook-Jargon) dazwischen kam

Gesehen habe ich aber The Great Gatsby, der leider zeigt, dass Baz Luhrman ein Meister der Optik ist, den Roman aber allenfalls sehr oberflächlich verstanden hat. Tolle Partyszenen, da möchte man doch mitmachen und vom Tellerwäscher zum Millionär werden. Long live the American Dream. War es das nicht, was F. Scott Fitzgerald sagen wollte?
Noch so ein an sich bewährter Regisseur, der in diesem Jahr gewaltig daneben langte, ist Ridley Scout. The Counsellor wird mit wachsender Distanz eigentlich immer ärgerlicher. Ein langatmiger Gangsterfilm-Neo-Noir-Quatsch, mit dem ausgerechnet der bislang untadelige Cormac McCarthy zeigt, dass ihm offenbar nichts mehr einfällt. Oder dass er selbst keine Drehbücher, sondern nur deren Vorlagen schreiben sollte. Inhaltsleere Dialoge mit aufgezwungenem Kultfaktor, aufgesagt von einer albern tätowierten Cameron Diaz und einem albern frisierten Jarvier Bardem. Michael Fassbender agiert stoisch bis zur Unkenntlichkeit und Brad Pitt spielt seine Rolle aus "Killing Them Softly“ auf Autopilot noch ein wenig weiter. Wenn dann mal Handlung stattfindet, ist sie beliebig und voller Logiklöcher. Beispiel: wie bringe ich einen motorradfahrenden Drogenkurier am besten um die Ecke? Na klar, ich spanne in Kopfhöhe einen Draht über den Highway, den der Mann mit 200 Sachen langgedüst kommt. Dafür kann ich mir auch schön Zeit lassen, denn dieser Highway wird nur von diesem einem Motorrad und nur einmal am Tag befahren. Aua, aua, aua. Nein, was hier originell und stylish sein soll, ist einfach nur doof; eine Riesenverschwendung von Talenten.

Schlimmer waren eigentlich nur noch die Filme, in denen renommierte Darsteller zeigten, wie sehr sie ihren Zenit überschritten haben. Hier die TOP4 der diesjährigen Fremdschämdarstellungen.
Platz vier: Isabelle Huppert in Die Nonne. Taucht in dem Film nach gefühlten anderthalb Stunden gepflegter Bildungsbürgerlangweile auf und spielt eine lüsterne Mutter Oberin, die es auf die arme, unschuldige Protagonisten abgesehen hat. Wer denkt, dass das ja gar nicht soo schlecht klingt, den erinnere ich daran, dass die 1970er-Jahre vorbei sind und Jess Franco tot ist.
Platz drei: Gérard Dépardieu in Miserère / Choral des Todes. Ein holpriger Thriller mit abstruser Story (Chorknaben als Mordwaffe – ach, ach, ach), den Dépardieu mit seiner sonambulen Präsenz nicht bereichert. Gut für seinen Gegenpart, so ein Rapperbürschchen, der das Schauspielern nicht gerade erfunden hat. Und wenn Dépardieu in einer Szene die Obelix-Plauze vom Nachtlager wuchtet, dann sieht man nicht mehr den charismatischen Lebemann, sondern nur noch einen alten, fetten Typ, der bald nicht mehr kann. Traurig.
Platz zwei: Harvey Keitel in The Congress. Ein eitler Film eines eitlen Regisseurs, der wohl meinte, er könne das wiederholen, was Wayne Wang und Paul Auster in "Smoke" schafften: Keitel einfach mal erzählen lassen und eine Kamera draufhalten. Nur während man in "Smoke" gebannt zuhört und Keitels minimale Mimik einen völlig in den Bann schlägt, sieht man hier nur einen sichtlich gealterten Mann, der irgendwas von der Veränderung der Medienwelt erzählt und bei dem man sich ähnlich wie beim Opa auf der Familienfeier konzentrieren muss, zu verstehen, was er denn eigentlich sagen will.
Platz eins: John Malkovich in Siberian Education. Malkovich, Malkovich. "Being John Malkovich". Ach, das waren noch Zeiten, als der Mann so eine Ikone war, dass er sich in Spike Jonzes Film selbst spielen durfte und dies genüßlich selbstironsich zelebrierte. In diesem schwerfälligen Racheepos gibt er den weisen Klanintellektuellen einer Gruppe sibirischer Outlaws. Und labert und labert und labert immer wieder den gleichen Käse von Ehre, Anstand, Gut und Böse, Richtig und Falsch, Ernie und Bert. Völlig ironiefrei und mit einem pseudorussischen Akzent, der in so mancher Stereotypen-Komödie nicht durchgegangen wäre. Hat man mit Dépardieu und Keitel noch Mitleid, ist das einfach nur ärgerlich und daher Platz eins dieser Negativcharts.   

Soll es so enden, das Kinojahr 2013?
Auf keinen Fall. Ich ende vielmehr mit einer DVD-Empfehlung, die zeigt, dass schon abgeschriebene Schauspieler manchmal den Phoenix aus der Asche geben können. Martin Sheen beeindruckt in Dein Weg als trauernder Vater auf dem Jakobsweg in einem Film, der über zwei Stunden trotz seiner Thematik (Verlust, Tod, Trauer, Selbstfindung) konsequent der Kitsch- und Schmalzfalle entgeht und stattdessen einfach nur ein herzerwärmendes und an den richtigen Stellen augenzwinkerndes Plädoyer für Authentizität und Mitmenschlichkeit ist. Schön und versöhnlich, und so kann auch dieses Jahr enden.