Inzwischen wird man von den Machern des Fantasy Filmfests ja eigentlich das ganze Jahr über gut betreut. Zwei Wochenenden im Januar bzw. April verkürzen die Wartezeit auf das große Festival im Sommer, das inzwischen 11 Tage dauert. Da sind selbst in eher schwachen Jahren immer einige Entdeckungen dabei, von denen die meisten nicht den Weg ins Kino finden. Um diese schönen Filme soll es hier gehen.
Bereits im Winter bzw. Frühling liefen bei den White Nights bzw. Nights jeweils zwei Filme, die es sich lohnt hervorzuheben.
The Invisible Guest
Oriol Paulo, Regisseur des nicht minder zum Miträtseln einladenden Films "The Body", hat hier einen temporeichen Krimi inszeniert, den selbst Tatort-Hasser wie ich lieben können. Exzellentes Timing, zahlreiche Drehungen und Wendungen, die aber nie zu weit hergeholt sind. Ich habe auch beim zweiten Gucken keine Logiklöcher entdecken können und damit gleich hatte zweimal großen Spaß an diesem spannenden und intelligenten Film.
The Transfiguration
Weniger zugänglich, aber sehr faszinierend fand ich diesen Vampirfilm im Stile eines britischen Sozialdramas. Oder war es ein Sozialdrama im Stil eines Vampirfilms? Egal, „Vampir“ ist hier einmal mehr die passende Metapher für einen Außenseiter, und der Film ist so britisch, dass der geneigte Englischlehrer jubelt.
Sweet Sweet Lonely Girl
Sehr stimmungsvoller Low-Budget-Gruselfilm mit dezenten Dario-Argento-Anleihen. Weit weniger aufdringlich als Filme wie "Amer" - und damit auf die Dauer auch weit weniger nervig: Denn der Film will nicht nur ein Stilfeuerwerk sein, sondern erzählt auch gekonnt eine Geschichte von Einsamkeit und der Sehnsucht nach Freundschaft und Liebe. Jump-Scare-Freunde waren enttäuscht, Arthouse-Fans (wie ich) nicht.
Going to Brazil
A propos Arthouse. Von nichts ist diese letzte Empfehlung weiter entfernt. "Going to Brazil" ist eine französische, weibliche „Hangover“-Variante mit ein wenig Pulp-Fiction-Gewalt und vier extrem gutaussehenden Damen. Popcorn-Kino wie es sein soll.
Das sommerliche Filmfest fand für mich dann zwar mit Dauerkarte, aber
unter erschwerten Bedingen statt: laufender Schulbetrieb, davon drei volle Tage
Prüflesen für‘s Landesabitur in Wiesbaden, und an einem der
Wochenenden auch noch das Golden Leaves Festival in Darmstadt, das zu
besuchen inzwischen praktisch Familientradition geworden ist.
Insofern
war der Blick ins Programmheft nun, einige Monate danach, interessant, denn
so schwach wie ich ihn in
Erinnerung hatte war der 2017er-Jahrgang gar nicht. Vielmehr war die Ablenkung so vielfältig, dass offensichtlich einfach meine Erinnerung schwach war. Daher hier, mit aufgefrischter
Erinnerung, noch die Highlights.
Raw
Eigentlich
mein Lieblingsfilm dieses Jahrgangs. Eine radikale
Coming-of-Age-Geschichte, die Kannibalismus als Metapher nutzt und
nicht davor zurückschreckt, ihn zu zeigen, wenn es der Geschichte und
ihrer Atmosphäre dient. Über die individuelle Ebene hinaus bietet der
Film auch einige Seitenhiebe auf Leistungsorientierung und Normierung
im Bildungssystem. Eine ziemlich rohe Welt, die Raw da zeigt (*Tusch*
für‘s Wortspiel), und leider eine ziemlich reale.
A
Sicilian Ghost Story
Pure
Poesie bietet diese italienische Geister-, Mafia- und erneut
Coming-of-Age-Geschichte. Sehr stimmungsvoll, sehr metaphysisch und
doch nie in die Kitschfalle tapsend. Eine große Geschichte für die
große Leinwand und einer dieser Genrehybride für die ich das
Filmfest nach wie vor liebe.
Land
of the Little People
Die
Referenz "Lord of the Flies" wurde in Programmheft und Gesprächen
im Kino oft bemüht und sie ist unübersehbar. Nur dass die
Jugendlichen in diesem israelischen Film nicht auf einer Insel auf
sich selbst gestellt sind, sondern in einem zivilisierten, aber von
fortwährenden kriegerischen Auseinandersetzungen ausgezehrten Land
des 21. Jahrhunderts. "Land of the Little People" zeigt
unaufdringlich inszeniert, aber eindringlich in seiner Wirkung die
psychologischen Folgen dieses Zustandes. Sehr spannend, beeindruckend
und bei mir lange nachwirkend.
Fashionista
Noch
so ein Genre-Hybrid. Das als Psychothriller getarnte Charakterdrama
einer mit sich selbst unzufriedenen Frau, der es an Liebe,
Anerkennung und Selbstachtung fehlt und die das durch einen
Kleidungsfetisch kompensiert. Clever erzählt (mit zahlreichen
Vorblenden – statt Rückblenden, die dem Zuschauer an passender
Stelle stets ein paar Informationsbröckchen zuwerfen, um ihn über
den weiteren Verlauf der Story spekulieren zu lassen) und
schauspielerisch in der weiblichen Hauptrolle herausragend. Ein
unerwartetes Highlight.
My
Friend Dahmer
Ich
mag eigentlich keine Filme über reale Serienkiller. Denn oft werden
hier Deppen bzw. Verbrecher glorifiziert und mystifiziert. Meine
Vorbehalte gegen "My Friend Dahmer" waren jedoch unbegründet,
denn der Film zeichnet lediglich das Abschlussjahr Jeffrey Dahmers an
seiner Highschool nach und ist damit eher eine Highschool-Geschichte
mit den üblichen Typen, und zwar eher im Stil von "American
Graffiti" als von "American Pie". Insofern geht es viel um
Rollengefüge und das Streben nach Akzeptanz und Anerkennung in einem
Mikrokosmos, der nur wenig Abweichungen zulässt. Und da wir ja auf dem
Fantasy Filmfest und nicht beim „Kleinen Fernsehspiel“ sind wird
das alles sehr unterhaltsam, mitunter spannend und vor allem mit viel
Liebe zum 70er-Jahre-Detail inszeniert.
Hounds
of Love
Am
letzten Tag am Nachmittag versteckte sich dieser Schlag in die
Magengrube. Menschliche Abgründe, wie sie auf dem FFF alle Jahre
wieder serviert werden. Am ehesten musste ich an den unvergesslichen "An American Crime" aus dem Jahr 2007 denken, der selbst hartgesottene Dauerkartenbesitzer zum Weinen brachte. Wobei dieser Film
in Australien spielt und zeigt, dass die Abgründe universell sind.
Killing
Ground
Für mich der
beste Thriller des Festivals. Ein Pärchen will sich ein schönes
Wochenende machen und zeltet in der freien Natur. Kann ja nur
schiefgehen. Kennt man, wird hier aber extrem spannend einmal mehr
durchgespielt.
Marlina
the Murderer in four Acts
Das
hingegen kannte ich noch nicht: ein feminsitischer, philippinischer
Rachefilm in Stile eines Italowesterns. Langsam erzählt, weshalb man
die exquisiten Bildern so richtig in sich aufsaugen kann, mit
lakonischem Humor und toller Musik. Konsequent bis zum Ende, überzeugender als
jede Me-too-Kampagne und damit im Jahr 2017 brandaktuell. Läuft seit gestern übrigens im Kino.
Ich
gebe zu, ich hatte den Film nicht auf dem Zettel. Warum weiß ich gar
nicht, denn Christopher Nolan hat mich bisher eigentlich noch nie
enttäuscht. Vermutlich weil ich keine Lust auf Kriegsfilm und WW II
hatte. Ich Narr. Denn "Dunkirk" funktioniert als durchaus auch als Anti-Kriegsfilm, weil
er die Strapazen, Verzweiflung und Sinnlosigkeit von Kriegen en
passant schildert. Zugleich ist er ein unglaublich spannender Film zum Thema Überleben. Das Tempo ist atemberaubend und
Nolan gönnt dem Zuschauer nur wenig Ruhepausen, der Score von Hans
Zimmer tut sein Übriges um zu verhindern, dass man im Kinosessel entspannt. Unglaublich intensiv, packend und zugleich klar in der
Aussage. Ein echtes Meisterwerk.
Jackie
Vor
ein paar Jahren bin ich über den Film "No!" des chilenischen
Regisseurs Pablo Larrain gestolpert. Im Jahr 2017 hatte der Mann
gleich zwei Filme in den deutschen Kino. Einer war "Jackie", in dem es um die
Tage nach der Ermordung John F. Kennedys aus der Sicht seiner Witwe
Jackie geht. Wer hier ein Melodram à la Hollywood erwartet hat,
wurde vermutlich bitter enttäuscht. Larrain stellt vielmehr den Antagonismus von Privatem und Öffentlichen am Beispiel Jackie
Kennedys heraus und feiert sie in ihrem souveränen Umgang mit der
Situation. Die Mischung aus politischen Film mit universeller
Aussage und persönlicher Geschichte mit emotionalen Momenten (an
dieser Stelle muss Natalie Portmans feine Darstellung in höchsten
Tönen gelobt werden) hat den Film für mich zu einem extrem
spannenden gemacht. Und einmal mehr ist Larrain ein Meister der
Bildgestaltung. War es in „No!“ die verwackelt unscharfe
VHS-Ästhetik sind es hier die vielen Close Ups Natalie Portmans, die
dem Zuschauer fast schon eine Komplizenschaft mit Jackie Kennedy
aufzwingen. Ein intellektuell wie visuell stimulierender Film. Kino
für Fortgeschrittene.
Wilde
Maus
Ich
bin ein Fan von Josef Hader, ich gebe es zu. Und ich habe mich sehr
gefreut, ihn einmal nicht als Ex-Polizist Brenner im Kino zu sehen.
Zwar ist auch die Hauptfigur in "Wilde Maus" ein Verlierer, aber einer, der es einem schwer macht, ihn sympathisch zu finden. Der heilige
Zorn des entlassenen Kulturkritikers, den Hader darstellt, ist zu
Beginn noch nachvollziehbar, doch im Laufe des Films kann einem das
Selbstmitleid des Anti-Helden schon auf den Nerv gehen, zumal sein
Rachefeldzug ziemlich stümperhaft ausgeführt wird. Insofern ist "Wilde Maus" etwas sperriger als die Brenner-Verfilmungen, aber
wer Hader kennt, weiß, dass er sein Publikum gerne fordert. Ich habe die Herausforderung gerne angenommen und mein diebisches Vergnügen an dem Film gehabt.
Personal
Shopper
Alle
Jahre wieder gibt es einen Film, der mich in der richtigen Stimmung
erwischt. Kristen Stewart spielt eine Amerikanerin in Paris, die für
eine Diva die titelgebende persönliche Shopperin ist, ihren Job nicht mag und
außerdem versucht, mit ihrem verstorbenen Bruder spirituellen
Kontakt herzustellen. Klingt furchtbar? Mag sein. Aber Olivier
Assayas weiß, was er tut, und ich fand den Film, ähnlich wie "The
Neon Demon" im vergangenen Jahr einen gelungenen Beitrag zum Thema
Sinnsuche in einer Welt der Oberflächlichkeiten. Definitiv keine
Empfehlung für den entspannten Videoabend, sondern Arthouse-Kino im
besten Sinne, das einen offenen Zuschauer fordert und zugleich
belohnt.
Neruda
Larrains
zweiter Film im Jahr 2017 schildert das Katz- und Maus-Spiel zwischen
dem Dichter Pablo Neruda und einen ihn verfolgenden, verkniffenen chilenischen Staatsbeamten. Einmal mehr nicht sehr linear, einmal mehr wählt
Larrain den schweren Weg und baut allerlei surreale und retardierende
Momente in die an sich geradlinige Handlung ein. Denn es geht ihm
hier um zwei archetypische Antagonisten, den Apparatschik und den
Revolutionär, den Biedermann und den Bohemien. Die beiden können
nicht miteinander, aber letztlich auch nicht ohneeinander, weil sie
füreinander sinnstiftend sind. Und auch hier treffen Politisches und
Privates wieder aufeinander, und zwar in einem bildgewaltigen und visuell ausgeklügelten Film.
Hunt
for the Wilder People
Ach,
all dieser verkopfte Arthouse-Mist. Kann der König nicht mal was
Unterhaltsames empfehlen? Klar! "Wo die wilden Menschen wohnen" oder, wie er auf den White Nights des Fantasy Filmfests hieß und im
Original heißt „Hunt for the Wilderpeople“. Die Story: ein
übergewichtiger Waisenknabe mit Gangsterallüren wird vom Jugendamt
an eine gutherzige Frau und ihren knorrigen Gatten in der
neuseeländischen Wildnis in Pflege gegeben. Die Frau stirbt und das
ungleiche Gespann aus Alm-Öhi und dauerlaberndem Teenie muss
fürderhin alleine klarkommen. Regisseur Taika Waititti, der in dem
Film auch einen genialen Auftritt als Priester hat, bescherte und
bereits „What We Do in the Shadows“ („5 Zimmer, Küche, Sarg“),
und sein trockener, skurriler Humor durchzieht auch dieses Film, der
aber gleichzeitig an jeder Stelle ein Herz für Freaks hat und gerade
in seinem zweiten Teil, wenn die titelgebende Jagd eigentlich erst
beginnt, wohlige 80er-Jahre-Reminiszenzen hervorruft. Ein Film, den
man einfach lieb haben muss.
Und der Trailer hinterher, denn der allein ist schon ein Riesenspaß:
Hitlers
Hollywood
Rüdiger
Suchsland Film zum Kino der Nationalsozialisten ist weniger
Dokumentation und mehr Essay. Er sucht nach den typischen Elementen
der NS-Filme und versucht so den Kern des Nazikinos zu finden. Die
gewählten Filmausschnitte sind faszinierend, die Fülle an Material
überbordend – und Suchslands Kommentar fast immer auf den Punkt
(und nicht ohne Humor, wenn er Marika Rökk als „Brummkreisel mit
Gummigelenken“ beschreibt). Kein Doku-Kino für Lesefaule, sondern
anregende Gedanken und grandios ausgewählte Filmbeispiele.
Das
fünfte Element
Der
einzige Film, den ich in diesem Jahr im Kino gesehen habe und den ich
in meiner Liste mit voller Punktzahl bewertet habe, ist, wie ich
gerade feststelle, „Das fünfte Element“, der zu seinem
20jährigen Jubiläum eine kurze Wiederbelebung auf der großen
Leinwand erfuhr. Ist zwar 100% 90er ist, hat mich aber dennoch über
seine gesamte Laufzeit blenden unterhalten. Oder vielleicht ja gerade
deshalb.
Weitere
gute Filme:
Room
Wollte
ich ewig nicht sehen, möchte ich bitte nicht noch mal sehen. Ist
aber wirklich ein unglaublich intensiver und berührender Film über
Elternliebe in einer Situation, die nicht extremer sein könnte. Für
Mutige.
T2
– Trainspotting 2
Konnte
nicht so gut werden wie das Original, aber das war wohl allen
Beteiligten klar. Und mir auch. Und so genoss ich dieses guilty
pleasure, erfreute mich am Wiedersehen mit allen fünf Überlebenden
und nahm erfreut zur Kenntis, dass die Geschichte ganz gut
funktioniert. Well done, Danny Boyle.
Die
Taschendiebin
High-End
Kostümschinken von meinem Lieblingskoreaner Chan-wook Park. Erstaunlich freizügig, bisweilen etwas schwülstig, ansonsten aber vor allem gepflegte Unterhaltung mit feinster Optik, guter Story und furchtlosen Darstellerinnen.
Der
Stern von Indien
Geschichtskino
für Lesefaule wie mich, das ein unrühmliches Kapitel aus der
Geschichte Großbritanniens im 20. Jahrhundert beleuchtet. Wo "Ghandi" in einem Happy End mündet, setzt dieser Film an und
zeigt die Schwierigkeiten und politische Verwerfungen im Zuge der
Entkolonialisierung und damit einhergehenden Teilung Indiens. Nicht ganz frei von simplifizierender Personalisierung, und
damit besonders gegen Ende zunehmender Melodramatik, ist der Film
über weite Strecken vor allem ein spannender Politkrimi, der im Kino zu Unrecht ziemlich unbeachtet geblieben ist.
It
Der
Hit vom diesjährigen Fantasy Filmfest. Da war sogar der große Saal Nummer 6 im Frankfurter Platzhirschkino mal wieder ausverkauft. Nicht zu unrecht, denn die Neuverfilmung von
Stephen Kings Megaschinken aus den Achtzigern ist sehr gelungenes Horrorkino (und machen
wir uns nichts vor: bei allen „Stand By Me“-Referenzen steht der
Horror hier immer klar im Vordergrund). Und zwar durchaus moderndes
Horrorkino mit Jump Scares und einigen Härten. Vielleicht will der
Film am Ende etwas zu viel, aber andererseits gelingt es ihm, das
Buch so einzudampfen, dass dessen Geist erhalten bleibt, der Film
aber dennoch seinen eigenen Weg geht.
The
Limehouse Golem
Und
noch ein Film vom Fantasy Filmfest mit einem kleinen Kinostart. Bill
Nighy in einer erfreulich großen Rolle in diesem mit Liebe zum Detail
gemachten Murder Mystery aus dem England des 19. Jahrhundert. So
mancher Gewaltexzess stört etwas in diesem historischen Ambiente,
aber insgesamt ein erfrischend altmodischer Unterhaltungsfilm mit
einigen Schauwerten und toller Musik, für den man gerne ins Kino
geht.
Three
Billboards Outside Ebbing, Missouri
Hier hatte ich bereits Anfang Dezember das Glück einer Preview. Frances
McDormand, Sam Rockwell und Woody Harrelson in einem Film, der allen
dreien hervorragende Rollen gibt. Großes Schauspielerkino mit viel
schrägem Humor, das sich am Ende zwar etwas in seiner Story
verheddert, über weite Strecken aber wirklich sehr viel Spaß macht.
Blade
Runner 2049
Denis
Villeneuve geht die Blade-Runner-Fortsetzung ziemlich elegisch an.
Wenn man sich an das nicht gerade hohe Tempo im ausführlichen
Mittelteil gewöhnt hat, kann man sich aber dem optischen und
akustischen Genuss, der diesem Regisseur einmal mehr gelingt, voll
hingeben. Okay, die Botschaft ist die alte und die Frage, was das
Menschsein eigentlich ausmacht, fand ich in "Arrival" interessanter bearbeitet, aber manchmal kann man sich ja auch nur der
Ästhetik hingeben.
Enttäuschungen und überschätzte Filme:
Mother
Darren
Aronofskys neuester Film beginnt interessant als Kammerspiel, das an "Who‘s Afraid of Virginia Woolf?" erinnert, läuft dann aber
im letzten Drittel dermaßen aus dem Ruder, dass es nur noch
unfreiwillig komisch wirkt. Eine ganz eitle Nummer ohne Substanz und
mit viel Getöse. Da habe ich mich echt geärgert.
The
Killing of a Sacred Deer
Okay,
der Regisseur ist Grieche und die rituelle Tötung des heiligen
Hirsches stammt aus einer griechischen Tragödie. Aber dass es
Regisseur Yorgos Lanthimos darum ging, eine moderne Tragödie um einen Mann zu schaffen, der
Schuld auf sich geladen hat und dafür büßen muss, kann ich
irgendwie nicht glauben. Dafür agieren alle Beteiligten – außer
Nicole Kidman an einzelnen Stellen – zu artifiziell, dafür gibt es
zu viele skurril komische Momente (okay, ich habe als einziger
gelacht als der Sohn aus dem Krankenhausbett fällt, weil er zum
Fenster gehen möchte, aber an sich ja seine Beine nicht bewegen
kann. Das war komisch, auch wenn ihr euch alle nicht getraut habt zu
lachen, ihr Karlsruher Arthouse-Kinogänger, die ihr vom deutschen
Feuilleton eingeschüchtert wart). Nein, sorry, wenn das ernst
gemeint war, ist es eine Luftnummer. Optisch super, das stimmt, aber inhaltlich hätte
ich mir - gerade nach "the Lobster" - mehr erwartet.
Get
Out
Voll auf der Höhe der Zeit mit seiner Rassismus-Thematik, noch
dazu weil er sich so elegant und amüsant verpackt, dieser nette,
kleine Film mit ironischem Augenzwinkern. Aber ganz ehrlich: am Ende
will "Get Out" ein Horrorfilm sein. Das ist er, solide und unterhaltsam ist er auch. Aber weder ist er ein großes Meisterwerk noch so
intelligent wie allerorts zu lesen war.
Planet
der Affen – Survival
Überwältigungskino
mit dem üblichen Problem einer zu langen Laufzeit, zahlreichen
Redundanzen und einer etwas sehr geradlinigen Handlung. Trotzdem war die
Kritik voll des Lobes, nicht nur über die tolle Technik, sondern
auch über die tolle Botschaft. „Der Mensch ist das schlimmste
Raubtier von allen“. Ah ja. Kalenderblatt lässt grüßen.
Atomic
Blonde
Spielt
im Berlin der 80er. Cool. Bzw. hätte cool werden können, wenn man
sich ansatzweise ein bisschen Mühe gegeben hätte und nicht die
ganze Energie auf ermüdende Kampfsequenzen der Superlative gerichtet
hätte. Ja ja, die ungeschnittene Kampfszene im Treppenhaus.
Beeindruckend. Aber Jahre nach Brian de Palma und "The Raid" eben auch
nicht mehr wirklich neu. Und wenn der Rest des Films darum sowohl
belanglos als auch schlampig bis lieblos ist, bleibt am Ende nicht mehr viel übrig. Ich verweise nur mal auf den Soundtrack, der wirkt, als habe jemand in der
Mittagspause mal kurz den „Best of 80s“-Sampler vom Wühltisch
zufallsmäßig durchgeskippt und fertig war die Laube. Ein Film als
Produkt, insgesamt ziemlich unsympathisch.
Girl
on the Train
Vermutlich
hätte ich das Buch nicht vorher lesen sollen. Denn von Paula
Hawkins' abgründigem Roman mit einer unzuverlässigen Erzählerin,
der der Leser irgendwann auch nur noch schwer vertrauen kann, ist in
dieser straighten Krimiverfilmung nicht mehr viel übrig. Konventionell und entbehrlich.
Der
junge Karl Marx
Don‘t
get me started. Da kann auch August Diehl nichts mehr retten. Der
arme Marx als Kostümschinken für lesefaule Schüler und tüttelige
Rentnerinnen. Gut gemeint, aber so typisch deutsch gemacht, dass man
nur die Hände vor's Gesicht schlagen kann, wenn man nicht schon
auf der Hälfte dieses überlangen Lehrstücks eingeschlafen ist.
Öde, langweilig, überflüssig.
DVD-Entdeckungen:
Midnight
Special
Wie "E.T." ohne diesen hässlichen, kleinen Außerirdischen. Oder wie
dieses Jugendbuch "Die Kinder vom anderen Stern" aus den Siebzigern,
falls das noch einer kennt. Hat mich damals schwer beeindruckt. Immer
noch nicht überzeugt? Na gut: Michael Shannon in einem
Jeff-Nichols-Film. Muss ich noch mehr sagen?
A Hijacking
Tobias Lindholm - ein Name, den man sich merken sollte. Extrem spannend und sehr
realistisch erzählt der Film des besagten Herrn, wie ein dänischer Frachter von
somalischen Piraten gekapert und um das Lösegeld gepokert wird.
Dabei werden alle Perspektiven beleuchtet, die Beweggründe aller
Beteiligten nachvollziehbar – und somit die ganze Tragweite von
etwas deutlich, das man aus den Nachrichten seit Jahren kennt, ohne
sich vermutlich jemals darüber Gedanken gemacht zu haben, was es für
die Betroffenen bedeutet.
A
Serious Man
Da
meine Liebe für die Coen-Brüder über die Jahre mehr und mehr
abgekühlt ist, ist mir dieses Juwel im Kino durch die Lappen
gegangen. Dabei ist "A Serious Man" Coen-Brüder in Reinform.
Düsterer, lakonischer Humor, schräge und oft wenig sympathische
Typen in der Provinz und eine Hauptfigur, für die alles schiefgeht.
Jerry Lundegaard lässt grüßen. Wobei hier an sich die biblische Hiob-Geschichte erzählt wird, aus Religionslehrersicht durchaus
ernstzunehmend, aber zugleich als Fest für den Coen-Brüder-Freund. Ich
hatte wirklich sehr viel Spaß.
Höhere
Gewalt
Ein
Familienvater ruiniert seine Ehe, als er im Moment einer
scheinbaren Lawinenkatastrophe nicht zuerst an seine Familie denkt, sondern
an sich selbst. Interessante Prämisse, die in der Geschichte zum
Glück zunehmend skurril durchgespielt wird, so dass bis zum Ende
keine Langeweile aufkommt.
Side
Effects
Steven
Soderbergh kann's noch. Es beginnt wie eine Satire auf den
Medikamentenwahn unserer Zeit, in der es für jeden stressbedingten
Tick ein Mittelchen gibt, und wendet sich dann zu einem
Mystery-Thriller im Hitchcock-Stil. Spannende, gehobene Unterhaltung
für Erwachsene mit exzellenten Darstellern.
Wiedersehen machte Freude:
El Cuerpo - The
Body
Mörderland
– La Isla Minima
Fanden
alle super, habe ich endlich nachgeholt und war sehr begeistert:
Searching
for Sugarman
Prisoners
Spotlight
Rush
Audition
Und dann gab es ja auch noch das Fantasy Filmfest, doch dazu beim nächsten Mal mehr.
Doch halt, ich greife vor. Vielleicht erst einmal etwas zu
den besten Filmen des Jahres und dann zur „Rettung des deutschen Kinos“ im Jahr
2015.
Die besten Filme des
Jahres
Von meinen drei Lieblingsfilmen des Jahres ist zumindest
einer auch deutschsprachig: „Das ewige
Leben“ ist die, wenn ich richtig gezählt habe, vierte Verfilmung eines Brenner-Romans
von Wolf Haas. Schon „Der Knochenmann“ hatte mich mit seiner Mischung aus
Misanthropie, Wortwitz und einer guten Geschichte, die die brillanten Dialoge
und Situationen zusammenhält, begeistert. In „Das ewige Leben“ wird es für den
Brenner existentiell persönlich und die Geschichte erhält damit eine
zusätzliche Tiefe, die den anderen Verfilmungen fehlt. Dass der Spaß nicht
darunter leidet, liegt nicht zuletzt einmal mehr am in seiner Rolle aufgehenden
Josef Hader und dem ebenfalls grandios besetzten Tobias Moretti. Eine Sequenz
für die Ewigkeit ist eine der wohl langsamsten Verfolgungsjagden aller Zeiten einen Berg
hinauf, in der ein Herzinfarktpatient zu Fuß einem lahmenden Moped
hinterher torkelt. Wer bei dieser Beschreibung nicht befremdet den Kopf
schüttelt, sollte sich den Film unbedingt anschauen.
Wesentlich ernsthafter, aber nicht weniger existenziell geht
es in „Leviathan“ zu. Der russische
Film zeigt den Kampf des Jedermanns Kolya gegen einen korrupten Bürgermeister,
der versucht, ihm sein Haus wegzunehmen. Vielleicht kann man den Film als
Kommentar auf die Zustände im heutigen Russland sehen, wie vom deutschen
Feuilleton genüsslich ausgebreitet, aber gerecht wird man dem Film nicht, wenn
man ihn darauf beschränkt. Kolya ist ein Mann mit Schwächen: in seiner Sturheit
erinnert er an einen abgeschwächten Michael Kohlhaas, der sich immer mehr auf
seine gerechte Sache versteift und darüber den Blick für alles andere verliert.
Umgekehrt ist der Bürgermeister einfach ein Machtmensch und Drecksack, wie man
ihn sicherlich auch im eigenen örtlichen Gemeinderat finden könnte. Genau das
macht aber eine Qualität des Filmes aus. Er funktioniert universell und ist
mehr als ein Kommentar auf konkrete Zustände in einem bestimmten Land. Die
andere Qualität des Films sind seine epischen Landschaftsbilder. Abgesehen
davon, dass sie den Film zu einem optischen Genuss machen, kann man in sie auch
inhaltlich so einiges hineininterpretieren (vgl. Feuilletonartikel). Ich habe
sie in ihrer Größe und Weitläufigkeit vor allem als Kontrast zu den vor ihrem Hintergrund
unwichtigen und fast schon lächerlichen Konflikten, die für die Beteiligten
aber existentiell sind, gesehen. Insgesamt war ich trotz des langsamen Erzähltempos
sehr eingenommen von diesem epischen und wuchtigen Film und bin es bis heute.
Temporeicher geht es im Oscar-Gewinner „Birdman“ zu, auch wenn erneut ein Mann in existenziellen Nöten im
Mittelpunkt des Filmes steht. Michael Keaton spielt einen ehemaligen
Superheldendarsteller, der als Theaterschauspieler reüssieren will und dem kurz
vor der Premiere des Stückes zahlreiche Steine in den Weg gelegt werden. Lange
habe ich den Filmbesuch vor mir hergeschoben. Oscarnominierungen beeindrucken
mich wenig, Regisseur Iñárritu hatte mir mit „Amores Perros“ und „Babel“ zwei eher zwiespältige Kinoerlebnisse beschert und diese ewigen Künstlerdilemmata
sind von meiner eigenen Lebensrealität doch recht weit entfernt. Der primäre Grund, den
Film sehen zu wollen, war für mich Michael Keaton; der Anlass bot sich, als es
bei den Fantasy Filmfest Nights eine Pause zwischen zwei interessanten Filmen
zu überbrücken galt. Zum Glück. Denn einmal hat die Oscarjury richtig gelegen
und einen wirklich außergewöhnlichen Film prämiert. „Birdman“ ist ein einziger
Rausch. Die Kamera ist ständig in Bewegung, der Film erscheint fast ungeschnitten,
als Zuschauer schwebt man mit Hauptfigur Riggan durch das Broadway-Theater und
wird in dessen fiebrigen Gemütszustand hineingezogen. Zum Nachdenken bleibt
keine Zeit, erst nach dem Film fallen einem ein paar Szenen eventuell als
überzogen auf, aber während man den Film anschaut, erlebt man wirklich zwei
Stunden lang Kino. Ein in allen Belangen überwältigender
Film.
Womit ich zu „Victoria“
zurückkomme. Dieser Film wirkt nicht nur ungeschnitten, sondern ist es auch.
Eine beeindruckende technische und vor allem auch logistische Leistung. Aber
sonst? Junge Frau verliebt sich in einen Typen, der ein Kleinkrimineller ist
(aber natürlich mit gutem Herz) und gerät so in eine brenzlige Situation. So
lassen sich die zweieinhalb Stunden Handlung in einem Satz zusammenfassen. Wer
da mehr gesehen hat („Das ist Berlin heute! Das ist das Lebensgefühl einer
ganzen Generation!“), dem gratuliere ich
herzlich. Ja, ja, da sind schon nette Dialoge. Ja, ja, nachts besoffen durch Berlin
torkeln, kenn‘ ick ooch. Aber spätestens als André M. Hennicke als Inbegriff
des Klischee-Obergangsters auftaucht, habe ich jegliches Interesse an dem Film
verloren. Und übrigens heißt ungeschnitten auch, dass man sieht, wie Personen
in Echtzeit von A nach B kommen. Also inklusive Fahrstuhlfahrten, Tür auf, Tür
zu, Kameramann hinterher und so. Und das
dauert, wenn man nicht Iñárritus Mut hat, innerhalb einer ungeschnittenen Szene
mal kurz einen halben Tag zu überspringen. Das würde natürlich voraussetzen, dass man
seinem Publikum etwas gedankliche Mitarbeit zutraut, womit wir bei einem der
Grundprobleme vieler deutscher Filme wären. Doch dieses Fass mit den Herren
Schweiger und Schweighöfer, mit „Fack ju Göhte 2“ und „Bruder vor Luder“ lasse
ich an dieser Stelle zu und stelle
lediglich fest, dass ich „Victoria“ überschätzt und allenfalls „für einen
deutschen Film“ ganz gut finde. Also zum Beispiel im Vergleich zu diesem Film, der übrigens auch in Berlin spielt:
>
Die Filme des Jahres
Endlich ein neuer Bond. Gesehen habe ich ihn nicht, denn mit
„Mission Impossible – Rogue Nation“ und
„Codename U.N.C.L.E.“ hatte ich so viel
Agenten- und Gut-gegen-Böse-Spaß, dass ich mir den humorlos wirkenden „Spectre“
mit dem als Bösewicht inzwischen überstrapazierten Christoph Waltz schenken
kann. „Mission Impossible“ hingegen fühlte sich an wie ein Bond. Ein
unbezwingbarer Held voller Körperlichkeit (erstaunlich überzeugend: Tom Cruise),
dazu zahlreiche Gadgets und ein nerdiger Computerspezialist (wie erwartet
perfekt in dieser Rolle: Simon Pegg), alles in allem also gepflegte Action mit
dem nötigen Maß an Selbstironie; kein CGI-Inferno, keine Dumpfbacken-Oneliner,
stattdessen bestes Hollywood-Kino für Menschen, die schon seit ein paar
Jährchen Filme gucken.
Gleiches gilt für „Codename
U.N.C.L.E.“, der jedoch in den 60ern zur Zeit des Kalten Krieges angesiedelt
ist und an vielen Stellen erkennbar die Handschrift des
Style-Over-Substance-Regisseurs Guy Ritchie trägt. Vielleicht ist das der Grund,
dass der Film dermaßen gefloppt ist. Ich hatte jedenfalls sehr viel Spaß mit diesem
temporeichen Stück Popcorn-Kino.
Aber mir hat ja auch der unisono gehasste Sci-Fi-Kitsch „Jupiter Ascending“ gefallen. A „glossy,
entertaining hot mess“ schreibt ein Zuschauer bei der Internet Movie Database,
und das trifft durchaus zu. Wenn man natürlich vom Genre Science Fiction
Welterklärung, Testosteron-Action oder zumindest einen ernstzunehmenden
Schurken wie Darth Vader erwartet, ist man hier falsch. Hier gibt es eine
Aschenputtelgeschichte mit Mila Kunis, Ränken wie weiland im Denver-Clan und Eddie
Redmayne als den überzeichnetsten Schurken des Jahres. Edeltrash vom
Feinsten. Loved it!
Auch im Genre des Gangsterfilms mit politischem Subtext gab
es für mich 2015 zwei herausragende Filme. Sowohl in J. C. Chandors „A Most Violent Year“ als auch in Denis
Villeneuves „Sicario“ geht es um die
Schwierigkeit, in einer verbrecherischen, korrupten und gewalttätigen Umgebung
das Richtige zu tun und moralisch integer zu bleiben. In „A Most Violent Year“
versucht Oscar Isaac dies als Unternehmer
im sumpfigen New York des Jahres 1981, in „Sicario“ Emily Blunt im Kampf gegen
Drogenschmuggler an der US-amerikanischen Grenze zu Mexiko in der Jetztzeit. Chandors
Film wirkt dabei dichter, die Geschichte runder und – trotz des sehr
ansprechend inszenierten Zeitkolorits des Films – zeitloser als „Sicario“.
Diesem zolle ich nach zweimaligem Sehen größten Respekt, und er enthält einige Sequenzen,
die zu den besten zählen, die ich dieses Jahr gesehen habe – doch ins Herz
schließen konnte ich ihn irgendwie nicht. Als faszinierend, aber seltsam
artifiziell behalte ich „Sicario“ aber in sehr guter Erinnerung.
Die beiden besten Horrorfilme des Jahres kannte ich schon
vom letztjährigen Fantasy Filmfest. „The
Babadook“ und „It Follows“
fanden im Jahr 2015 tatsächlich noch ihren Weg ins deutsche Kino. Was beide Filme
großartig macht, ist, dass sie schon als reine Horrorfilme (Geistergeschichte
respektive Untoten-Teenie-Slasher) ganz gut funktionieren. Richtig gut werden
sie durch ihren jeweiligen Subtext. „The Babadook“ kann man problemlos auch als
beklemmendes Psychogramm einer überforderten alleinerziehenden Mutter sehen, „It Follows“, mal ganz verkürzt ausgedrückt,
als psychologische, schwarzhumorige Studie zum Thema „wer fickt, stirbt“. Beide Filme haben überzeugende Darsteller (im Horrorgenre keine Selbstverständlichkeit), sind atmosphärisch, stilsicher und insgesamt einfach absolut großartig, und ich lege sie auch Leuten ans Herz, die mit Horror sonst wenig am
Hut haben.
Gestatten: Der Babadook
Wie bekomme ich jetzt die Kurve zu „Heidi“? Vielleicht indem ich erzähle, dass vernichtende Userkommentare
auf der Moviepilot-Seite mein Interesse geweckt haben. Hier wurde dem Film
vorgeworfen, dass er nichts mit der Trickfilmserie aus den 70ern gemein habe,
dass er nicht genug lebensfrohe Szenen enthalte und somit für Kinder ungeeignet
wäre. Klang großartig, war es auch. Ob der Film der Vorlage gerecht wird, weiß
ich nicht, da ich nur die 70er-Jahre-Trickfilm-Serie kenne, aber ich muss
sagen, dass ich ihn von dieser gar nicht so weit entfernt fand. Gut, der Film
hat weniger Dauergegrinse und LSD-Farben. Auch hängt Heidi keine Schaukel
zwischen den Wolken auf. Aber die Handlung war schon so, wie ich sie in
Erinnerung hatte. Und ganz im Ernst finde ich, dass diese Heidi-Verfilmung von
einer tiefen und ehrlichen Menschlichkeit geprägt ist, die vor allem dadurch
zum Tragen kommt, dass die Lebensrealität auf dem Land bzw. eine Kindheit im 19.
Jahrhundert hier realistisch und damit nicht unbedingt als angenehm dargestellt werden. Die sonstigen
Pluspunkte des Films sind die wie erwartet großartigen Landschaftsaufnahmen und
die unerwartet detaillierte Darstellung Alt-Frankfurts sowie Bruno Ganz, der mir
als Alm-Öhi wesentlich besser gefallen hat als als Adolf Hitler.
Eine ganze Reihe guter Filme sah ich im Mannheimer Programmkino
Cinema Quadrat, in dem man sich auf die geschmackssichere Auswahl der Macher
verlassen kann. Hier bot sich mir die Gelegenheit, noch einmal die spanische
Schneewittchen-Adaption „Blancanieves“
zu sehen, die mich auch beim zweiten Mal in Entzücken versetzte, und Abdellatif Kechiches „Blau
ist eine warme Farbe“ nachzuholen. Kechiches Filme, zu denen auch „L’esquive“
und „Couscous mit Fisch“ gehören, lege ich allen ans Herz, die Filme über
Zwischenmenschliches mögen. Normale Menschen in recht alltäglichen Situationen,
die Kechiche geduldig beobachtet, und zwar durchaus mit Anteilnahme, aber immer
noch so distanziert, dass der Zuschauer stets selbst entscheiden kann, was er
von bestimmten Verhaltensweisen der Filmfiguren hält. Ähnlich subtil fand ich den
argentinischen Film „Abrir Puertas y
Ventanas“, in dem drei Schwestern nach dem Tod ihrer Großmutter lernen
müssen, allein im Leben zurecht zu kommen. Der Großteil des Films spielt im
Haus der Großmutter, das trotz der offenen Türen und Fenster, auf die der
Filmtitel abhebt, wie ein goldener Käfig ist, aus dem die drei jungen Frauen
lange nicht herauszutreten wagen. Ein auf den ersten Blick sehr leiser und
handlungsarmer Film, der aber bei genauerem Hinsehen sehr dicht und
konzentriert inszeniert ist und bei dem Kommunikation oft nonverbal abläuft.
Ich fühlte mich sehr an meinen letztjährigen Arthouse-Liebling „Like Father,like Son“erinnert.
Bevor es jetzt aber zu gefühlig wird, haue ich noch mal
einen handfesteren Film raus. Sion Sono, der Garant für mehr oder weniger gepflegten
Irrsinn, bereitete mir in diesem Jahr vor allem mit seinem Battle-Rap-Film „Tokyo Tribe“ große Freude. Eigentlich
ein Musical, aber eben mir japanischer Rapmusik, Action, Gewalt, massig
Spezialeffekten, waghalsigen Kamerafahrten und einem enormen Tempo; griechische Tragödie, Shakespeare, grellbunter Kitsch und Gangster-Pulp-Fiction. Und wer nach
knapp zwei Stunden audiovisueller Überwältigung noch irgendetwas aufnehmen kann,
bekommt am Ende sogar eine kleine menschliche Botschaft nachgeliefert. Wie schön. Oh, und Hut ab vor der Untertitelung dieses Filmes, der es tatsächlich größtenteils gelang, den Flow der gerappten Passagen so wiederzugeben, dass das Mitgelesene immer noch zur Musik passte.
Ansonsten kann ich mit „Der
große Demokrator“ und „Von Caligari
zu Hitler“ zwei sehr spezielle Dokumentationen empfehlen. Eine
DVD-Entdeckung war der Film „Locke“
(deutscher Titel: „No Turning Back“,
ja, deutsche Verleiher halten ihr Publikum auch weiterhin für etwas
minderbemittelt), in dem Tom Hardy auf einer Autofahrt wesentliche
Lebensentscheidungen trifft. Der Film ist ein Kammerspiel auf engstem Raum (fast
die komplette Handlung spielt im Auto) und eine schauspielerische Glanzleistung
Hardys. Eine echte Entdeckung, die ich Freunden des Dialogkinos ans Herz lege.
Enttäuschend fand ich hingegen die durch und durch kommerzialisierten
„Minions“, ein Film ohne Herz und
Seele, der versucht, alles richtig zu machen, um einen möglichst großen Profit
zu erwirtschaften. Und die kleinen gelben Anarchocharaktere werden einem in
ihrer Omnipräsenz bald so zum Hals raushängen wie vor vielen Jahren Alf und
Garfield am Ende ihrer Verwertungskette. Recht seelenlos und leider auch
ziemlich prätentiös fand ich Alex Garlands „Ex Machina“, der zum Thema künstliche Intelligenz jetzt auch nicht
so viel Neues und vor allem Interessantes sagen kann, wie er gerne würde. Und schließlich hatte ich mir
auch von der Verfilmung von Tom Rob Smiths Roman „Child 44“ mehr versprochen. Ziemlich verkrampft kam diese hochkarätig
besetzte Verfilmung daher, was mich letztlich viel mehr gestört hat als der
unvermeidliche Verlust der Komplexität der Romanvorlage. Der Film ist weder
spannend noch actionreich, sondern wirkt so, als wäre den Machern zu jedem Zeitpunkt
bewusst gewesen, dass ihr Film hinter dem Buch zurückbleiben wird.
Schließen möchte ich aber mit einem letzten Kino-Höhepunkt,
den es auch schon auf DVD zu kaufen gibt. „Die
Legende der Prinzessin Kaguya“ ist ein Studio-Ghibli-Film, allerdings nicht
vom bekannten Regisseur Miyazaki, sondern von Isao Takahata. Dessen Stil
unterscheidet sich vor allem in der Ästhetik. Die Bilder wirken wie
Tuschezeichnungen, sind teilweise extrem stilisiert oder wirken wie Skizzen
und fast schon abstrakt, und dennoch ist der Film zart fließend animiert. Und so
schön, dass man ihn immer wieder anhalten möchte, um ein Bild länger betrachten zu können.
Dazu kommt die ungewöhnliche Geschichte des weiblichen „Bambussprösslings“, der von seinen
wohlmeinenden, aber auch etwas eitlen Zieheltern aus einer einfachen, aber
unschuldigen Welt im Lot herausgerissen wird und zur Adligen erzogen wird.
Klingt schon wieder nach „Heidi“, geht aber inhaltlich weitaus tiefer und verwehrt
dem Zuschauer ein Happy End. Ein bittersüßes Meisterwerk, das einen mit der
Frage konfrontiert, wann man das letzte Mal so richtig glücklich. Und zwar
nicht nur im Kino, sondern im wahren Leben.