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Freitag, 19. Januar 2018

Fantasy Filmfest Highlights 2017

Inzwischen wird man von den Machern des Fantasy Filmfests ja eigentlich das ganze Jahr über gut betreut. Zwei Wochenenden im Januar bzw. April verkürzen die Wartezeit auf das große Festival im Sommer, das inzwischen 11 Tage dauert. Da sind selbst in eher schwachen Jahren immer einige Entdeckungen dabei, von denen die meisten nicht den Weg ins Kino finden. Um diese schönen Filme soll es hier gehen.

Bereits im Winter bzw. Frühling liefen bei den White Nights bzw. Nights jeweils zwei Filme, die es sich lohnt hervorzuheben.

The Invisible Guest
Oriol Paulo, Regisseur des nicht minder zum Miträtseln einladenden Films "The Body", hat hier einen temporeichen Krimi inszeniert, den selbst Tatort-Hasser wie ich lieben können. Exzellentes Timing, zahlreiche Drehungen und Wendungen, die aber nie zu weit hergeholt sind. Ich habe auch beim zweiten Gucken keine Logiklöcher entdecken können und damit gleich hatte zweimal großen Spaß an diesem spannenden und intelligenten Film.



The Transfiguration
Weniger zugänglich, aber sehr faszinierend fand ich diesen Vampirfilm im Stile eines britischen Sozialdramas. Oder war es ein Sozialdrama im Stil eines Vampirfilms? Egal, „Vampir“ ist hier einmal mehr die passende Metapher für einen Außenseiter, und der Film ist so britisch, dass der geneigte Englischlehrer jubelt.



Sweet Sweet Lonely Girl
Sehr stimmungsvoller Low-Budget-Gruselfilm mit dezenten Dario-Argento-Anleihen. Weit weniger aufdringlich als Filme wie "Amer" - und damit auf die Dauer auch weit weniger nervig: Denn der Film will nicht nur ein Stilfeuerwerk sein, sondern erzählt auch gekonnt eine Geschichte von Einsamkeit und der Sehnsucht nach Freundschaft und Liebe. Jump-Scare-Freunde waren enttäuscht, Arthouse-Fans (wie ich) nicht.



Going to Brazil
A propos Arthouse. Von nichts ist diese letzte Empfehlung weiter entfernt. "Going to Brazil" ist eine französische, weibliche „Hangover“-Variante mit ein wenig Pulp-Fiction-Gewalt und vier extrem gutaussehenden Damen. Popcorn-Kino wie es sein soll.




Das sommerliche Filmfest fand für mich dann zwar mit Dauerkarte, aber unter erschwerten Bedingen statt: laufender Schulbetrieb, davon drei volle Tage Prüflesen für‘s Landesabitur in Wiesbaden, und an einem der Wochenenden auch noch das Golden Leaves Festival in Darmstadt, das zu besuchen inzwischen praktisch Familientradition geworden ist.
Insofern war der Blick ins Programmheft nun, einige Monate danach, interessant, denn so schwach wie ich ihn in Erinnerung hatte war der 2017er-Jahrgang gar nicht. Vielmehr war die Ablenkung so vielfältig, dass offensichtlich einfach meine Erinnerung schwach war. Daher hier, mit aufgefrischter Erinnerung, noch die Highlights.

Raw
Eigentlich mein Lieblingsfilm dieses Jahrgangs. Eine radikale Coming-of-Age-Geschichte, die Kannibalismus als Metapher nutzt und nicht davor zurückschreckt, ihn zu zeigen, wenn es der Geschichte und ihrer Atmosphäre dient. Über die individuelle Ebene hinaus bietet der Film auch einige Seitenhiebe auf Leistungsorientierung und Normierung im Bildungssystem. Eine ziemlich rohe Welt, die Raw da zeigt (*Tusch* für‘s Wortspiel), und leider eine ziemlich reale.



A Sicilian Ghost Story
Pure Poesie bietet diese italienische Geister-, Mafia- und erneut Coming-of-Age-Geschichte. Sehr stimmungsvoll, sehr metaphysisch und doch nie in die Kitschfalle tapsend. Eine große Geschichte für die große Leinwand und einer dieser Genrehybride für die ich das Filmfest nach wie vor liebe.




Land of the Little People
Die Referenz "Lord of the Flies" wurde in Programmheft und Gesprächen im Kino oft bemüht und sie ist unübersehbar. Nur dass die Jugendlichen in diesem israelischen Film nicht auf einer Insel auf sich selbst gestellt sind, sondern in einem zivilisierten, aber von fortwährenden kriegerischen Auseinandersetzungen ausgezehrten Land des 21. Jahrhunderts. "Land of the Little People" zeigt unaufdringlich inszeniert, aber eindringlich in seiner Wirkung die psychologischen Folgen dieses Zustandes. Sehr spannend, beeindruckend und bei mir lange nachwirkend.




Fashionista
Noch so ein Genre-Hybrid. Das als Psychothriller getarnte Charakterdrama einer mit sich selbst unzufriedenen Frau, der es an Liebe, Anerkennung und Selbstachtung fehlt und die das durch einen Kleidungsfetisch kompensiert. Clever erzählt (mit zahlreichen Vorblenden – statt Rückblenden, die dem Zuschauer an passender Stelle stets ein paar Informationsbröckchen zuwerfen, um ihn über den weiteren Verlauf der Story spekulieren zu lassen) und schauspielerisch in der weiblichen Hauptrolle herausragend. Ein unerwartetes Highlight.



My Friend Dahmer
Ich mag eigentlich keine Filme über reale Serienkiller. Denn oft werden hier Deppen bzw. Verbrecher glorifiziert und mystifiziert. Meine Vorbehalte gegen "My Friend Dahmer" waren jedoch unbegründet, denn der Film zeichnet lediglich das Abschlussjahr Jeffrey Dahmers an seiner Highschool nach und ist damit eher eine Highschool-Geschichte mit den üblichen Typen, und zwar eher im Stil von "American Graffiti" als von "American Pie". Insofern geht es viel um Rollengefüge und das Streben nach Akzeptanz und Anerkennung in einem Mikrokosmos, der nur wenig Abweichungen zulässt. Und da wir ja auf dem Fantasy Filmfest und nicht beim „Kleinen Fernsehspiel“ sind wird das alles sehr unterhaltsam, mitunter spannend und vor allem mit viel Liebe zum 70er-Jahre-Detail inszeniert.



Hounds of Love
Am letzten Tag am Nachmittag versteckte sich dieser Schlag in die Magengrube. Menschliche Abgründe, wie sie auf dem FFF alle Jahre wieder serviert werden. Am ehesten musste ich an den unvergesslichen "An American Crime" aus dem Jahr 2007 denken, der selbst hartgesottene Dauerkartenbesitzer zum Weinen brachte. Wobei dieser Film in Australien spielt und zeigt, dass die Abgründe universell sind.



Killing Ground
Für mich der beste Thriller des Festivals. Ein Pärchen will sich ein schönes Wochenende machen und zeltet in der freien Natur. Kann ja nur schiefgehen. Kennt man, wird hier aber extrem spannend einmal mehr durchgespielt.



Marlina the Murderer in four Acts
Das hingegen kannte ich noch nicht: ein feminsitischer, philippinischer Rachefilm in Stile eines Italowesterns. Langsam erzählt, weshalb man die exquisiten Bildern so richtig in sich aufsaugen kann, mit lakonischem Humor und toller Musik. Konsequent bis zum Ende, überzeugender als jede Me-too-Kampagne und damit im Jahr 2017 brandaktuell. Läuft seit gestern übrigens im Kino.




Mittwoch, 17. Januar 2018

Das Filmjahr 2017

Lieblingsfilme:

Dunkirk
Ich gebe zu, ich hatte den Film nicht auf dem Zettel. Warum weiß ich gar nicht, denn Christopher Nolan hat mich bisher eigentlich noch nie enttäuscht. Vermutlich weil ich keine Lust auf Kriegsfilm und WW II hatte. Ich Narr. Denn "Dunkirk" funktioniert als durchaus auch als Anti-Kriegsfilm, weil er die Strapazen, Verzweiflung und Sinnlosigkeit von Kriegen en passant schildert. Zugleich ist er ein unglaublich spannender Film zum Thema Überleben. Das Tempo ist atemberaubend und Nolan gönnt dem Zuschauer nur wenig Ruhepausen, der Score von Hans Zimmer tut sein Übriges um zu verhindern, dass man im Kinosessel entspannt. Unglaublich intensiv, packend und zugleich klar in der Aussage. Ein echtes Meisterwerk.



Jackie
Vor ein paar Jahren bin ich über den Film "No!" des chilenischen Regisseurs Pablo Larrain gestolpert. Im Jahr 2017 hatte der Mann gleich zwei Filme in den deutschen Kino. Einer war "Jackie", in dem es um die Tage nach der Ermordung John F. Kennedys aus der Sicht seiner Witwe Jackie geht. Wer hier ein Melodram à la Hollywood erwartet hat, wurde vermutlich bitter enttäuscht. Larrain stellt vielmehr den Antagonismus von Privatem und Öffentlichen am Beispiel Jackie Kennedys heraus und feiert sie in ihrem souveränen Umgang mit der Situation. Die Mischung aus politischen Film mit universeller Aussage und persönlicher Geschichte mit emotionalen Momenten (an dieser Stelle muss Natalie Portmans feine Darstellung in höchsten Tönen gelobt werden) hat den Film für mich zu einem extrem spannenden gemacht. Und einmal mehr ist Larrain ein Meister der Bildgestaltung. War es in „No!“ die verwackelt unscharfe VHS-Ästhetik sind es hier die vielen Close Ups Natalie Portmans, die dem Zuschauer fast schon eine Komplizenschaft mit Jackie Kennedy aufzwingen. Ein intellektuell wie visuell stimulierender Film. Kino für Fortgeschrittene.




Wilde Maus
Ich bin ein Fan von Josef Hader, ich gebe es zu. Und ich habe mich sehr gefreut, ihn einmal nicht als Ex-Polizist Brenner im Kino zu sehen. Zwar ist auch die Hauptfigur in "Wilde Maus" ein Verlierer, aber einer, der es einem schwer macht, ihn sympathisch zu finden. Der heilige Zorn des entlassenen Kulturkritikers, den Hader darstellt, ist zu Beginn noch nachvollziehbar, doch im Laufe des Films kann einem das Selbstmitleid des Anti-Helden schon auf den Nerv gehen, zumal sein Rachefeldzug ziemlich stümperhaft ausgeführt wird. Insofern ist "Wilde Maus" etwas sperriger als die Brenner-Verfilmungen, aber wer Hader kennt, weiß, dass er sein Publikum gerne fordert. Ich habe die Herausforderung gerne angenommen und mein diebisches Vergnügen an dem Film gehabt.



Personal Shopper
Alle Jahre wieder gibt es einen Film, der mich in der richtigen Stimmung erwischt. Kristen Stewart spielt eine Amerikanerin in Paris, die für eine Diva die titelgebende persönliche Shopperin ist, ihren Job nicht mag und außerdem versucht, mit ihrem verstorbenen Bruder spirituellen Kontakt herzustellen. Klingt furchtbar? Mag sein. Aber Olivier Assayas weiß, was er tut, und ich fand den Film, ähnlich wie "The Neon Demon" im vergangenen Jahr einen gelungenen Beitrag zum Thema Sinnsuche in einer Welt der Oberflächlichkeiten. Definitiv keine Empfehlung für den entspannten Videoabend, sondern Arthouse-Kino im besten Sinne, das einen offenen Zuschauer fordert und zugleich belohnt.



Neruda
Larrains zweiter Film im Jahr 2017 schildert das Katz- und Maus-Spiel zwischen dem Dichter Pablo Neruda und einen ihn verfolgenden, verkniffenen chilenischen Staatsbeamten. Einmal mehr nicht sehr linear, einmal mehr wählt Larrain den schweren Weg und baut allerlei surreale und retardierende Momente in die an sich geradlinige Handlung ein. Denn es geht ihm hier um zwei archetypische Antagonisten, den Apparatschik und den Revolutionär, den Biedermann und den Bohemien. Die beiden können nicht miteinander, aber letztlich auch nicht ohneeinander, weil sie füreinander sinnstiftend sind. Und auch hier treffen Politisches und Privates wieder aufeinander, und zwar in einem bildgewaltigen und visuell ausgeklügelten Film.




Hunt for the Wilder People
Ach, all dieser verkopfte Arthouse-Mist. Kann der König nicht mal was Unterhaltsames empfehlen? Klar! "Wo die wilden Menschen wohnen" oder, wie er auf den White Nights des Fantasy Filmfests hieß und im Original heißt „Hunt for the Wilderpeople“. Die Story: ein übergewichtiger Waisenknabe mit Gangsterallüren wird vom Jugendamt an eine gutherzige Frau und ihren knorrigen Gatten in der neuseeländischen Wildnis in Pflege gegeben. Die Frau stirbt und das ungleiche Gespann aus Alm-Öhi und dauerlaberndem Teenie muss fürderhin alleine klarkommen. Regisseur Taika Waititti, der in dem Film auch einen genialen Auftritt als Priester hat, bescherte und bereits „What We Do in the Shadows“ („5 Zimmer, Küche, Sarg“), und sein trockener, skurriler Humor durchzieht auch dieses Film, der aber gleichzeitig an jeder Stelle ein Herz für Freaks hat und gerade in seinem zweiten Teil, wenn die titelgebende Jagd eigentlich erst beginnt, wohlige 80er-Jahre-Reminiszenzen hervorruft. Ein Film, den man einfach lieb haben muss.


Und der Trailer hinterher, denn der allein ist schon ein Riesenspaß:


Hitlers Hollywood
Rüdiger Suchsland Film zum Kino der Nationalsozialisten ist weniger Dokumentation und mehr Essay. Er sucht nach den typischen Elementen der NS-Filme und versucht so den Kern des Nazikinos zu finden. Die gewählten Filmausschnitte sind faszinierend, die Fülle an Material überbordend – und Suchslands Kommentar fast immer auf den Punkt (und nicht ohne Humor, wenn er Marika Rökk als „Brummkreisel mit Gummigelenken“ beschreibt). Kein Doku-Kino für Lesefaule, sondern anregende Gedanken und grandios ausgewählte Filmbeispiele.



Das fünfte Element
Der einzige Film, den ich in diesem Jahr im Kino gesehen habe und den ich in meiner Liste mit voller Punktzahl bewertet habe, ist, wie ich gerade feststelle, „Das fünfte Element“, der zu seinem 20jährigen Jubiläum eine kurze Wiederbelebung auf der großen Leinwand erfuhr. Ist zwar 100% 90er ist, hat mich aber dennoch über seine gesamte Laufzeit blenden unterhalten. Oder vielleicht ja gerade deshalb.



Weitere gute Filme:

Room
Wollte ich ewig nicht sehen, möchte ich bitte nicht noch mal sehen. Ist aber wirklich ein unglaublich intensiver und berührender Film über Elternliebe in einer Situation, die nicht extremer sein könnte. Für Mutige.




T2 – Trainspotting 2
Konnte nicht so gut werden wie das Original, aber das war wohl allen Beteiligten klar. Und mir auch. Und so genoss ich dieses guilty pleasure, erfreute mich am Wiedersehen mit allen fünf Überlebenden und nahm erfreut zur Kenntis, dass die Geschichte ganz gut funktioniert. Well done, Danny Boyle.




Die Taschendiebin
High-End Kostümschinken von meinem Lieblingskoreaner Chan-wook Park. Erstaunlich freizügig, bisweilen etwas schwülstig, ansonsten aber vor allem gepflegte Unterhaltung mit feinster Optik, guter Story und furchtlosen Darstellerinnen.



Der Stern von Indien
Geschichtskino für Lesefaule wie mich, das ein unrühmliches Kapitel aus der Geschichte Großbritanniens im 20. Jahrhundert beleuchtet. Wo "Ghandi" in einem Happy End mündet, setzt dieser Film an und zeigt die Schwierigkeiten und politische Verwerfungen im Zuge der Entkolonialisierung und damit einhergehenden Teilung Indiens. Nicht ganz frei von simplifizierender Personalisierung, und damit besonders gegen Ende zunehmender Melodramatik, ist der Film über weite Strecken vor allem ein spannender Politkrimi, der im Kino zu Unrecht ziemlich unbeachtet geblieben ist.



It
Der Hit vom diesjährigen Fantasy Filmfest. Da war sogar der große Saal Nummer 6 im Frankfurter Platzhirschkino mal wieder ausverkauft. Nicht zu unrecht, denn die Neuverfilmung von Stephen Kings Megaschinken aus den Achtzigern ist sehr gelungenes Horrorkino (und machen wir uns nichts vor: bei allen „Stand By Me“-Referenzen steht der Horror hier immer klar im Vordergrund). Und zwar durchaus moderndes Horrorkino mit Jump Scares und einigen Härten. Vielleicht will der Film am Ende etwas zu viel, aber andererseits gelingt es ihm, das Buch so einzudampfen, dass dessen Geist erhalten bleibt, der Film aber dennoch seinen eigenen Weg geht.




The Limehouse Golem
Und noch ein Film vom Fantasy Filmfest mit einem kleinen Kinostart. Bill Nighy in einer erfreulich großen Rolle in diesem mit Liebe zum Detail gemachten Murder Mystery aus dem England des 19. Jahrhundert. So mancher Gewaltexzess stört etwas in diesem historischen Ambiente, aber insgesamt ein erfrischend altmodischer Unterhaltungsfilm mit einigen Schauwerten und toller Musik, für den man gerne ins Kino geht.




Three Billboards Outside Ebbing, Missouri
Hier hatte ich bereits Anfang Dezember das Glück einer Preview. Frances McDormand, Sam Rockwell und Woody Harrelson in einem Film, der allen dreien hervorragende Rollen gibt. Großes Schauspielerkino mit viel schrägem Humor, das sich am Ende zwar etwas in seiner Story verheddert, über weite Strecken aber wirklich sehr viel Spaß macht.




Blade Runner 2049
Denis Villeneuve geht die Blade-Runner-Fortsetzung ziemlich elegisch an. Wenn man sich an das nicht gerade hohe Tempo im ausführlichen Mittelteil gewöhnt hat, kann man sich aber dem optischen und akustischen Genuss, der diesem Regisseur einmal mehr gelingt, voll hingeben. Okay, die Botschaft ist die alte und die Frage, was das Menschsein eigentlich ausmacht, fand ich in "Arrival" interessanter bearbeitet, aber manchmal kann man sich ja auch nur der Ästhetik hingeben.





Enttäuschungen und überschätzte Filme:

Mother
Darren Aronofskys neuester Film beginnt interessant als Kammerspiel, das an "Who‘s Afraid of Virginia Woolf?" erinnert, läuft dann aber im letzten Drittel dermaßen aus dem Ruder, dass es nur noch unfreiwillig komisch wirkt. Eine ganz eitle Nummer ohne Substanz und mit viel Getöse. Da habe ich mich echt geärgert.

The Killing of a Sacred Deer
Okay, der Regisseur ist Grieche und die rituelle Tötung des heiligen Hirsches stammt aus einer griechischen Tragödie. Aber dass es Regisseur Yorgos Lanthimos darum ging, eine moderne Tragödie um einen Mann zu schaffen, der Schuld auf sich geladen hat und dafür büßen muss, kann ich irgendwie nicht glauben. Dafür agieren alle Beteiligten – außer Nicole Kidman an einzelnen Stellen – zu artifiziell, dafür gibt es zu viele skurril komische Momente (okay, ich habe als einziger gelacht als der Sohn aus dem Krankenhausbett fällt, weil er zum Fenster gehen möchte, aber an sich ja seine Beine nicht bewegen kann. Das war komisch, auch wenn ihr euch alle nicht getraut habt zu lachen, ihr Karlsruher Arthouse-Kinogänger, die ihr vom deutschen Feuilleton eingeschüchtert wart). Nein, sorry, wenn das ernst gemeint war, ist es eine Luftnummer. Optisch super, das stimmt, aber inhaltlich hätte ich mir - gerade nach "the Lobster" - mehr erwartet.

Get Out
Voll auf der Höhe der Zeit mit seiner Rassismus-Thematik, noch dazu weil er sich so elegant und amüsant verpackt, dieser nette, kleine Film mit ironischem Augenzwinkern. Aber ganz ehrlich: am Ende will "Get Out" ein Horrorfilm sein. Das ist er, solide und unterhaltsam ist er auch. Aber weder ist er ein großes Meisterwerk noch so intelligent wie allerorts zu lesen war.

Planet der Affen – Survival
Überwältigungskino mit dem üblichen Problem einer zu langen Laufzeit, zahlreichen Redundanzen und einer etwas sehr geradlinigen Handlung. Trotzdem war die Kritik voll des Lobes, nicht nur über die tolle Technik, sondern auch über die tolle Botschaft. „Der Mensch ist das schlimmste Raubtier von allen“. Ah ja. Kalenderblatt lässt grüßen.

Atomic Blonde
Spielt im Berlin der 80er. Cool. Bzw. hätte cool werden können, wenn man sich ansatzweise ein bisschen Mühe gegeben hätte und nicht die ganze Energie auf ermüdende Kampfsequenzen der Superlative gerichtet hätte. Ja ja, die ungeschnittene Kampfszene im Treppenhaus. Beeindruckend. Aber Jahre nach Brian de Palma und "The Raid" eben auch nicht mehr wirklich neu. Und wenn der Rest des Films darum sowohl belanglos als auch schlampig bis lieblos ist, bleibt am Ende nicht mehr viel übrig. Ich verweise nur mal auf den Soundtrack, der wirkt, als habe jemand in der Mittagspause mal kurz den „Best of 80s“-Sampler vom Wühltisch zufallsmäßig durchgeskippt und fertig war die Laube. Ein Film als Produkt, insgesamt ziemlich unsympathisch.

Girl on the Train
Vermutlich hätte ich das Buch nicht vorher lesen sollen. Denn von Paula Hawkins' abgründigem Roman mit einer unzuverlässigen Erzählerin, der der Leser irgendwann auch nur noch schwer vertrauen kann, ist in dieser straighten Krimiverfilmung nicht mehr viel übrig. Konventionell und entbehrlich.

Der junge Karl Marx
Don‘t get me started. Da kann auch August Diehl nichts mehr retten. Der arme Marx als Kostümschinken für lesefaule Schüler und tüttelige Rentnerinnen. Gut gemeint, aber so typisch deutsch gemacht, dass man nur die Hände vor's Gesicht schlagen kann, wenn man nicht schon auf der Hälfte dieses überlangen Lehrstücks eingeschlafen ist. Öde, langweilig, überflüssig.


DVD-Entdeckungen:

Midnight Special
Wie "E.T." ohne diesen hässlichen, kleinen Außerirdischen. Oder wie dieses Jugendbuch "Die Kinder vom anderen Stern" aus den Siebzigern, falls das noch einer kennt. Hat mich damals schwer beeindruckt. Immer noch nicht überzeugt? Na gut: Michael Shannon in einem Jeff-Nichols-Film. Muss ich noch mehr sagen?


A Hijacking
Tobias Lindholm - ein Name, den man sich merken sollte. Extrem spannend und sehr realistisch erzählt der Film des besagten Herrn, wie ein dänischer Frachter von somalischen Piraten gekapert und um das Lösegeld gepokert wird. Dabei werden alle Perspektiven beleuchtet, die Beweggründe aller Beteiligten nachvollziehbar – und somit die ganze Tragweite von etwas deutlich, das man aus den Nachrichten seit Jahren kennt, ohne sich vermutlich jemals darüber Gedanken gemacht zu haben, was es für die Betroffenen bedeutet.


A Serious Man
Da meine Liebe für die Coen-Brüder über die Jahre mehr und mehr abgekühlt ist, ist mir dieses Juwel im Kino durch die Lappen gegangen. Dabei ist "A Serious Man" Coen-Brüder in Reinform. Düsterer, lakonischer Humor, schräge und oft wenig sympathische Typen in der Provinz und eine Hauptfigur, für die alles schiefgeht. Jerry Lundegaard lässt grüßen. Wobei hier an sich die biblische Hiob-Geschichte erzählt wird, aus Religionslehrersicht durchaus ernstzunehmend, aber zugleich als Fest für den Coen-Brüder-Freund. Ich hatte wirklich sehr viel Spaß.


Höhere Gewalt
Ein Familienvater ruiniert seine Ehe, als er im Moment einer scheinbaren Lawinenkatastrophe nicht zuerst an seine Familie denkt, sondern an sich selbst. Interessante Prämisse, die in der Geschichte zum Glück zunehmend skurril durchgespielt wird, so dass bis zum Ende keine Langeweile aufkommt.


Side Effects
Steven Soderbergh kann's noch. Es beginnt wie eine Satire auf den Medikamentenwahn unserer Zeit, in der es für jeden stressbedingten Tick ein Mittelchen gibt, und wendet sich dann zu einem Mystery-Thriller im Hitchcock-Stil. Spannende, gehobene Unterhaltung für Erwachsene mit exzellenten Darstellern.



Wiedersehen machte Freude:

El Cuerpo - The Body




Mörderland – La Isla Minima





Fanden alle super, habe ich endlich nachgeholt und war sehr begeistert:

Searching for Sugarman




Prisoners




Spotlight




Rush




Audition


Und dann gab es ja auch noch das Fantasy Filmfest, doch dazu beim nächsten Mal mehr.

Dienstag, 5. Januar 2016

Das Filmjahr 2015

„Victoria“ ist der Film des Jahres,…

…den ich mir hätte schenken können.
Doch halt, ich greife vor. Vielleicht erst einmal etwas zu den besten Filmen des Jahres und dann zur „Rettung des deutschen Kinos“ im Jahr 2015.

Die besten Filme des Jahres

Von meinen drei Lieblingsfilmen des Jahres ist zumindest einer auch deutschsprachig: „Das ewige Leben“ ist die, wenn ich richtig gezählt habe, vierte Verfilmung eines Brenner-Romans von Wolf Haas. Schon „Der Knochenmann“ hatte mich mit seiner Mischung aus Misanthropie, Wortwitz und einer guten Geschichte, die die brillanten Dialoge und Situationen zusammenhält, begeistert. In „Das ewige Leben“ wird es für den Brenner existentiell persönlich und die Geschichte erhält damit eine zusätzliche Tiefe, die den anderen Verfilmungen fehlt. Dass der Spaß nicht darunter leidet, liegt nicht zuletzt einmal mehr am in seiner Rolle aufgehenden Josef Hader und dem ebenfalls grandios besetzten Tobias Moretti. Eine Sequenz für die Ewigkeit ist eine der wohl langsamsten Verfolgungsjagden aller Zeiten einen Berg hinauf, in der ein Herzinfarktpatient zu Fuß einem lahmenden Moped hinterher torkelt. Wer bei dieser Beschreibung nicht befremdet den Kopf schüttelt, sollte sich den Film unbedingt anschauen.


Wesentlich ernsthafter, aber nicht weniger existenziell geht es in „Leviathan“ zu. Der russische Film zeigt den Kampf des Jedermanns Kolya gegen einen korrupten Bürgermeister, der versucht, ihm sein Haus wegzunehmen. Vielleicht kann man den Film als Kommentar auf die Zustände im heutigen Russland sehen, wie vom deutschen Feuilleton genüsslich ausgebreitet, aber gerecht wird man dem Film nicht, wenn man ihn darauf beschränkt. Kolya ist ein Mann mit Schwächen: in seiner Sturheit erinnert er an einen abgeschwächten Michael Kohlhaas, der sich immer mehr auf seine gerechte Sache versteift und darüber den Blick für alles andere verliert. Umgekehrt ist der Bürgermeister einfach ein Machtmensch und Drecksack, wie man ihn sicherlich auch im eigenen örtlichen Gemeinderat finden könnte. Genau das macht aber eine Qualität des Filmes aus. Er funktioniert universell und ist mehr als ein Kommentar auf konkrete Zustände in einem bestimmten Land. Die andere Qualität des Films sind seine epischen Landschaftsbilder. Abgesehen davon, dass sie den Film zu einem optischen Genuss machen, kann man in sie auch inhaltlich so einiges hineininterpretieren (vgl. Feuilletonartikel). Ich habe sie in ihrer Größe und Weitläufigkeit vor allem als Kontrast zu den vor ihrem Hintergrund unwichtigen und fast schon lächerlichen Konflikten, die für die Beteiligten aber existentiell sind, gesehen. Insgesamt war ich trotz des langsamen Erzähltempos sehr eingenommen von diesem epischen und wuchtigen Film und bin es bis heute.


Temporeicher geht es im Oscar-Gewinner „Birdman“ zu, auch wenn erneut ein Mann in existenziellen Nöten im Mittelpunkt des Filmes steht. Michael Keaton spielt einen ehemaligen Superheldendarsteller, der als Theaterschauspieler reüssieren will und dem kurz vor der Premiere des Stückes zahlreiche Steine in den Weg gelegt werden. Lange habe ich den Filmbesuch vor mir hergeschoben. Oscarnominierungen beeindrucken mich wenig, Regisseur Iñárritu hatte mir mit „Amores Perros“ und „Babel“ zwei eher zwiespältige Kinoerlebnisse beschert und diese ewigen Künstlerdilemmata sind von meiner eigenen Lebensrealität doch recht weit entfernt. Der primäre Grund, den Film sehen zu wollen, war für mich Michael Keaton; der Anlass bot sich, als es bei den Fantasy Filmfest Nights eine Pause zwischen zwei interessanten Filmen zu überbrücken galt. Zum Glück. Denn einmal hat die Oscarjury richtig gelegen und einen wirklich außergewöhnlichen Film prämiert. „Birdman“ ist ein einziger Rausch. Die Kamera ist ständig in Bewegung, der Film erscheint fast ungeschnitten, als Zuschauer schwebt man mit Hauptfigur Riggan durch das Broadway-Theater und wird in dessen fiebrigen Gemütszustand hineingezogen. Zum Nachdenken bleibt keine Zeit, erst nach dem Film fallen einem ein paar Szenen eventuell als überzogen auf, aber während man den Film anschaut, erlebt man wirklich zwei Stunden lang Kino. Ein in allen Belangen überwältigender Film.


Womit ich zu „Victoria“ zurückkomme. Dieser Film wirkt nicht nur ungeschnitten, sondern ist es auch. Eine beeindruckende technische und vor allem auch logistische Leistung. Aber sonst? Junge Frau verliebt sich in einen Typen, der ein Kleinkrimineller ist (aber natürlich mit gutem Herz) und gerät so in eine brenzlige Situation. So lassen sich die zweieinhalb Stunden Handlung in einem Satz zusammenfassen. Wer da mehr gesehen hat („Das ist Berlin heute! Das ist das Lebensgefühl einer ganzen  Generation!“), dem gratuliere ich herzlich. Ja, ja, da sind schon nette Dialoge. Ja, ja, nachts besoffen durch Berlin torkeln, kenn‘ ick ooch. Aber spätestens als André M. Hennicke als Inbegriff des Klischee-Obergangsters auftaucht, habe ich jegliches Interesse an dem Film verloren. Und übrigens heißt ungeschnitten auch, dass man sieht, wie Personen in Echtzeit von A nach B kommen. Also inklusive Fahrstuhlfahrten, Tür auf, Tür zu, Kameramann hinterher und so. Und das dauert, wenn man nicht Iñárritus Mut hat, innerhalb einer ungeschnittenen Szene mal kurz einen halben Tag zu überspringen. Das würde natürlich voraussetzen, dass man seinem Publikum etwas gedankliche Mitarbeit zutraut, womit wir bei einem der Grundprobleme vieler deutscher Filme wären. Doch dieses Fass mit den Herren Schweiger und Schweighöfer, mit „Fack ju Göhte 2“ und „Bruder vor Luder“ lasse ich an dieser Stelle zu und stelle lediglich fest, dass ich „Victoria“ überschätzt und allenfalls „für einen deutschen Film“ ganz gut finde. Also zum Beispiel im Vergleich zu diesem Film, der übrigens auch in Berlin spielt:

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Die Filme des Jahres

Endlich ein neuer Bond. Gesehen habe ich ihn nicht, denn mit „Mission Impossible – Rogue Nation“ und „Codename U.N.C.L.E.“ hatte ich so viel Agenten- und Gut-gegen-Böse-Spaß, dass ich mir den humorlos wirkenden „Spectre“ mit dem als Bösewicht inzwischen überstrapazierten Christoph Waltz schenken kann. „Mission Impossible“ hingegen fühlte sich an wie ein Bond. Ein unbezwingbarer Held voller Körperlichkeit (erstaunlich überzeugend: Tom Cruise), dazu zahlreiche Gadgets und ein nerdiger Computerspezialist (wie erwartet perfekt in dieser Rolle: Simon Pegg), alles in allem also gepflegte Action mit dem nötigen Maß an Selbstironie; kein CGI-Inferno, keine Dumpfbacken-Oneliner, stattdessen bestes Hollywood-Kino für Menschen, die schon seit ein paar Jährchen Filme gucken.


Gleiches gilt für „Codename U.N.C.L.E.“, der jedoch in den 60ern zur Zeit des Kalten Krieges angesiedelt ist und an vielen Stellen erkennbar die Handschrift des Style-Over-Substance-Regisseurs Guy Ritchie trägt. Vielleicht ist das der Grund, dass der Film dermaßen gefloppt ist. Ich hatte jedenfalls sehr viel Spaß mit diesem temporeichen Stück Popcorn-Kino.



Aber mir hat ja auch der unisono gehasste Sci-Fi-Kitsch „Jupiter Ascending“ gefallen. A „glossy, entertaining hot mess“ schreibt ein Zuschauer bei der Internet Movie Database, und das trifft durchaus zu. Wenn man natürlich vom Genre Science Fiction Welterklärung, Testosteron-Action oder zumindest einen ernstzunehmenden Schurken wie Darth Vader erwartet, ist man hier falsch. Hier gibt es eine Aschenputtelgeschichte mit Mila Kunis, Ränken wie weiland im Denver-Clan und Eddie Redmayne als den überzeichnetsten Schurken des Jahres. Edeltrash vom Feinsten. Loved it!


Auch im Genre des Gangsterfilms mit politischem Subtext gab es für mich 2015 zwei herausragende Filme. Sowohl in J. C. Chandors „A Most Violent Year“ als auch in Denis Villeneuves „Sicario“ geht es um die Schwierigkeit, in einer verbrecherischen, korrupten und gewalttätigen Umgebung das Richtige zu tun und moralisch integer zu bleiben. In „A Most Violent Year“ versucht Oscar Isaac dies als Unternehmer im sumpfigen New York des Jahres 1981, in „Sicario“ Emily Blunt im Kampf gegen Drogenschmuggler an der US-amerikanischen Grenze zu Mexiko in der Jetztzeit. Chandors Film wirkt dabei dichter, die Geschichte runder und – trotz des sehr ansprechend inszenierten Zeitkolorits des Films – zeitloser als „Sicario“. Diesem zolle ich nach zweimaligem Sehen größten Respekt, und er enthält einige Sequenzen, die zu den besten zählen, die ich dieses Jahr gesehen habe – doch ins Herz schließen konnte ich ihn irgendwie nicht. Als faszinierend, aber seltsam artifiziell behalte ich „Sicario“ aber in sehr guter Erinnerung.    



Die beiden besten Horrorfilme des Jahres kannte ich schon vom letztjährigen Fantasy Filmfest. „The Babadook“ und „It Follows“ fanden im Jahr 2015 tatsächlich noch ihren Weg ins deutsche Kino. Was beide Filme großartig macht, ist, dass sie schon als reine Horrorfilme (Geistergeschichte respektive Untoten-Teenie-Slasher) ganz gut funktionieren. Richtig gut werden sie durch ihren jeweiligen Subtext. „The Babadook“ kann man problemlos auch als beklemmendes Psychogramm einer überforderten alleinerziehenden Mutter sehen,  „It Follows“, mal ganz verkürzt ausgedrückt, als psychologische, schwarzhumorige Studie zum Thema „wer fickt, stirbt“. Beide Filme haben überzeugende Darsteller (im Horrorgenre keine Selbstverständlichkeit), sind atmosphärisch, stilsicher und insgesamt einfach absolut großartig, und ich lege sie auch Leuten ans Herz, die mit Horror sonst wenig am Hut haben. 

Gestatten: Der Babadook


Wie bekomme ich jetzt die Kurve zu „Heidi“? Vielleicht indem ich erzähle, dass vernichtende Userkommentare auf der Moviepilot-Seite mein Interesse geweckt haben. Hier wurde dem Film vorgeworfen, dass er nichts mit der Trickfilmserie aus den 70ern gemein habe, dass er nicht genug lebensfrohe Szenen enthalte und somit für Kinder ungeeignet wäre. Klang großartig, war es auch. Ob der Film der Vorlage gerecht wird, weiß ich nicht, da ich nur die 70er-Jahre-Trickfilm-Serie kenne, aber ich muss sagen, dass ich ihn von dieser gar nicht so weit entfernt fand. Gut, der Film hat weniger Dauergegrinse und LSD-Farben. Auch hängt Heidi keine Schaukel zwischen den Wolken auf. Aber die Handlung war schon so, wie ich sie in Erinnerung hatte. Und ganz im Ernst finde ich, dass diese Heidi-Verfilmung von einer tiefen und ehrlichen Menschlichkeit geprägt ist, die vor allem dadurch zum Tragen kommt, dass die Lebensrealität auf dem Land bzw. eine Kindheit im 19. Jahrhundert hier realistisch und damit nicht unbedingt als angenehm dargestellt werden. Die sonstigen Pluspunkte des Films sind die wie erwartet großartigen Landschaftsaufnahmen und die unerwartet detaillierte Darstellung Alt-Frankfurts sowie Bruno Ganz, der mir als Alm-Öhi wesentlich besser gefallen hat als als Adolf Hitler.


Eine ganze Reihe guter Filme sah ich im Mannheimer Programmkino Cinema Quadrat, in dem man sich auf die geschmackssichere Auswahl der Macher verlassen kann. Hier bot sich mir die Gelegenheit, noch einmal die spanische Schneewittchen-Adaption „Blancanieves“ zu sehen, die mich auch beim zweiten Mal in Entzücken versetzte, und Abdellatif Kechiches „Blau ist eine warme Farbe“ nachzuholen. Kechiches Filme, zu denen auch „L’esquive“ und „Couscous mit Fisch“ gehören, lege ich allen ans Herz, die Filme über Zwischenmenschliches mögen. Normale Menschen in recht alltäglichen Situationen, die Kechiche geduldig beobachtet, und zwar durchaus mit Anteilnahme, aber immer noch so distanziert, dass der Zuschauer stets selbst entscheiden kann, was er von bestimmten Verhaltensweisen der Filmfiguren hält. Ähnlich subtil fand ich den argentinischen Film „Abrir Puertas y Ventanas“, in dem drei Schwestern nach dem Tod ihrer Großmutter lernen müssen, allein im Leben zurecht zu kommen. Der Großteil des Films spielt im Haus der Großmutter, das trotz der offenen Türen und Fenster, auf die der Filmtitel abhebt, wie ein goldener Käfig ist, aus dem die drei jungen Frauen lange nicht herauszutreten wagen. Ein auf den ersten Blick sehr leiser und handlungsarmer Film, der aber bei genauerem Hinsehen sehr dicht und konzentriert inszeniert ist und bei dem Kommunikation oft nonverbal abläuft. Ich fühlte mich sehr an meinen letztjährigen Arthouse-Liebling „Like Father,like Son“ erinnert.


Bevor es jetzt aber zu gefühlig wird, haue ich noch mal einen handfesteren Film raus. Sion Sono, der Garant für mehr oder weniger gepflegten Irrsinn, bereitete mir in diesem Jahr vor allem mit seinem Battle-Rap-Film „Tokyo Tribe“ große Freude. Eigentlich ein Musical, aber eben mir japanischer Rapmusik, Action, Gewalt, massig Spezialeffekten, waghalsigen Kamerafahrten und einem enormen Tempo; griechische Tragödie, Shakespeare, grellbunter Kitsch und Gangster-Pulp-Fiction. Und wer nach knapp zwei Stunden audiovisueller Überwältigung noch irgendetwas aufnehmen kann, bekommt am Ende sogar eine kleine menschliche Botschaft nachgeliefert. Wie schön. Oh, und Hut ab vor der Untertitelung dieses Filmes, der es tatsächlich größtenteils gelang, den Flow der gerappten Passagen so wiederzugeben, dass das Mitgelesene immer noch zur Musik passte. 


Ansonsten kann ich mit „Der große Demokrator“ und „Von Caligari zu Hitler“ zwei sehr spezielle Dokumentationen empfehlen. Eine DVD-Entdeckung war der Film „Locke“ (deutscher Titel: „No Turning Back“, ja, deutsche Verleiher halten ihr Publikum auch weiterhin für etwas minderbemittelt), in dem Tom Hardy auf einer Autofahrt wesentliche Lebensentscheidungen trifft. Der Film ist ein Kammerspiel auf engstem Raum (fast die komplette Handlung spielt im Auto) und eine schauspielerische Glanzleistung Hardys. Eine echte Entdeckung, die ich Freunden des Dialogkinos ans Herz lege.


Enttäuschend fand ich hingegen die durch und durch kommerzialisierten „Minions“, ein Film ohne Herz und Seele, der versucht, alles richtig zu machen, um einen möglichst großen Profit zu erwirtschaften. Und die kleinen gelben Anarchocharaktere werden einem in ihrer Omnipräsenz bald so zum Hals raushängen wie vor vielen Jahren Alf und Garfield am Ende ihrer Verwertungskette. Recht seelenlos und leider auch ziemlich prätentiös fand ich Alex Garlands „Ex Machina“, der zum Thema künstliche Intelligenz jetzt auch nicht so viel Neues und vor allem Interessantes sagen kann, wie er gerne würde. Und schließlich hatte ich mir auch von der Verfilmung von Tom Rob Smiths Roman „Child 44“ mehr versprochen. Ziemlich verkrampft kam diese hochkarätig besetzte Verfilmung daher, was mich letztlich viel mehr gestört hat als der unvermeidliche Verlust der Komplexität der Romanvorlage. Der Film ist weder spannend noch actionreich, sondern wirkt so, als wäre den Machern zu jedem Zeitpunkt bewusst gewesen, dass ihr Film hinter dem Buch zurückbleiben wird.

Schließen möchte ich aber mit einem letzten Kino-Höhepunkt, den es auch schon auf DVD zu kaufen gibt. „Die Legende der Prinzessin Kaguya“ ist ein Studio-Ghibli-Film, allerdings nicht vom bekannten Regisseur Miyazaki, sondern von Isao Takahata. Dessen Stil unterscheidet sich vor allem in der Ästhetik. Die Bilder wirken wie Tuschezeichnungen, sind teilweise extrem stilisiert oder wirken wie Skizzen und fast schon abstrakt, und dennoch ist der Film zart fließend animiert. Und so schön, dass man ihn immer wieder anhalten möchte, um ein Bild länger betrachten zu können. Dazu kommt die ungewöhnliche Geschichte des weiblichen „Bambussprösslings“, der von seinen wohlmeinenden, aber auch etwas eitlen Zieheltern aus einer einfachen, aber unschuldigen Welt im Lot herausgerissen wird und zur Adligen erzogen wird. Klingt schon wieder nach „Heidi“, geht aber inhaltlich weitaus tiefer und verwehrt dem Zuschauer ein Happy End. Ein bittersüßes Meisterwerk, das einen mit der Frage konfrontiert, wann man das letzte Mal so richtig glücklich. Und zwar nicht nur im Kino, sondern im wahren Leben.