Dienstag, 5. Januar 2016

Das Filmjahr 2015

Victoria“ ist der Film des Jahres,…

…den ich mir hätte schenken können.
Doch halt, ich greife vor. Vielleicht erst einmal etwas zu den besten Filmen des Jahres und dann zur „Rettung des deutschen Kinos“ im Jahr 2015.

Die besten Filme des Jahres

Von meinen drei Lieblingsfilmen des Jahres ist zumindest einer auch deutschsprachig: „Das ewige Leben“ ist die, wenn ich richtig gezählt habe, vierte Verfilmung eines Brenner-Romans von Wolf Haas. Schon „Der Knochenmann“ hatte mich mit seiner Mischung aus Misanthropie, Wortwitz und einer guten Geschichte, die die brillanten Dialoge und Situationen zusammenhält, begeistert. In „Das ewige Leben“ wird es für den Brenner existentiell persönlich und die Geschichte erhält damit eine zusätzliche Tiefe, die den anderen Verfilmungen fehlt. Dass der Spaß nicht darunter leidet, liegt nicht zuletzt einmal mehr am in seiner Rolle aufgehenden Josef Hader und dem ebenfalls grandios besetzten Tobias Moretti. Eine Sequenz für die Ewigkeit ist eine der wohl langsamsten Verfolgungsjagden aller Zeiten einen Berg hinauf, in der ein Herzinfarktpatient zu Fuß einem lahmenden Moped hinterher torkelt. Wer bei dieser Beschreibung nicht befremdet den Kopf schüttelt, sollte sich den Film unbedingt anschauen.


Wesentlich ernsthafter, aber nicht weniger existenziell geht es in „Leviathan“ zu. Der russische Film zeigt den Kampf des Jedermanns Kolya gegen einen korrupten Bürgermeister, der versucht, ihm sein Haus wegzunehmen. Vielleicht kann man den Film als Kommentar auf die Zustände im heutigen Russland sehen, wie vom deutschen Feuilleton genüsslich ausgebreitet, aber gerecht wird man dem Film nicht, wenn man ihn darauf beschränkt. Kolya ist ein Mann mit Schwächen: in seiner Sturheit erinnert er an einen abgeschwächten Michael Kohlhaas, der sich immer mehr auf seine gerechte Sache versteift und darüber den Blick für alles andere verliert. Umgekehrt ist der Bürgermeister einfach ein Machtmensch und Drecksack, wie man ihn sicherlich auch im eigenen örtlichen Gemeinderat finden könnte. Genau das macht aber eine Qualität des Filmes aus. Er funktioniert universell und ist mehr als ein Kommentar auf konkrete Zustände in einem bestimmten Land. Die andere Qualität des Films sind seine epischen Landschaftsbilder. Abgesehen davon, dass sie den Film zu einem optischen Genuss machen, kann man in sie auch inhaltlich so einiges hineininterpretieren (vgl. Feuilletonartikel). Ich habe sie in ihrer Größe und Weitläufigkeit vor allem als Kontrast zu den vor ihrem Hintergrund unwichtigen und fast schon lächerlichen Konflikten, die für die Beteiligten aber existentiell sind, gesehen. Insgesamt war ich trotz des langsamen Erzähltempos sehr eingenommen von diesem epischen und wuchtigen Film und bin es bis heute.


Temporeicher geht es im Oscar-Gewinner „Birdman“ zu, auch wenn erneut ein Mann in existenziellen Nöten im Mittelpunkt des Filmes steht. Michael Keaton spielt einen ehemaligen Superheldendarsteller, der als Theaterschauspieler reüssieren will und dem kurz vor der Premiere des Stückes zahlreiche Steine in den Weg gelegt werden. Lange habe ich den Filmbesuch vor mir hergeschoben. Oscarnominierungen beeindrucken mich wenig, Regisseur Iñárritu hatte mir mit „Amores Perros“ und „Babel“ zwei eher zwiespältige Kinoerlebnisse beschert und diese ewigen Künstlerdilemmata sind von meiner eigenen Lebensrealität doch recht weit entfernt. Der primäre Grund, den Film sehen zu wollen, war für mich Michael Keaton; der Anlass bot sich, als es bei den Fantasy Filmfest Nights eine Pause zwischen zwei interessanten Filmen zu überbrücken galt. Zum Glück. Denn einmal hat die Oscarjury richtig gelegen und einen wirklich außergewöhnlichen Film prämiert. „Birdman“ ist ein einziger Rausch. Die Kamera ist ständig in Bewegung, der Film erscheint fast ungeschnitten, als Zuschauer schwebt man mit Hauptfigur Riggan durch das Broadway-Theater und wird in dessen fiebrigen Gemütszustand hineingezogen. Zum Nachdenken bleibt keine Zeit, erst nach dem Film fallen einem ein paar Szenen eventuell als überzogen auf, aber während man den Film anschaut, erlebt man wirklich zwei Stunden lang Kino. Ein in allen Belangen überwältigender Film.


Womit ich zu „Victoria“ zurückkomme. Dieser Film wirkt nicht nur ungeschnitten, sondern ist es auch. Eine beeindruckende technische und vor allem auch logistische Leistung. Aber sonst? Junge Frau verliebt sich in einen Typen, der ein Kleinkrimineller ist (aber natürlich mit gutem Herz) und gerät so in eine brenzlige Situation. So lassen sich die zweieinhalb Stunden Handlung in einem Satz zusammenfassen. Wer da mehr gesehen hat („Das ist Berlin heute! Das ist das Lebensgefühl einer ganzen  Generation!“), dem gratuliere ich herzlich. Ja, ja, da sind schon nette Dialoge. Ja, ja, nachts besoffen durch Berlin torkeln, kenn‘ ick ooch. Aber spätestens als André M. Hennicke als Inbegriff des Klischee-Obergangsters auftaucht, habe ich jegliches Interesse an dem Film verloren. Und übrigens heißt ungeschnitten auch, dass man sieht, wie Personen in Echtzeit von A nach B kommen. Also inklusive Fahrstuhlfahrten, Tür auf, Tür zu, Kameramann hinterher und so. Und das dauert, wenn man nicht Iñárritus Mut hat, innerhalb einer ungeschnittenen Szene mal kurz einen halben Tag zu überspringen. Das würde natürlich voraussetzen, dass man seinem Publikum etwas gedankliche Mitarbeit zutraut, womit wir bei einem der Grundprobleme vieler deutscher Filme wären. Doch dieses Fass mit den Herren Schweiger und Schweighöfer, mit „Fack ju Göhte 2“ und „Bruder vor Luder“ lasse ich an dieser Stelle zu und stelle lediglich fest, dass ich „Victoria“ überschätzt und allenfalls „für einen deutschen Film“ ganz gut finde. Also zum Beispiel im Vergleich zu diesem Film, der übrigens auch in Berlin spielt:

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Die Filme des Jahres

Endlich ein neuer Bond. Gesehen habe ich ihn nicht, denn mit „Mission Impossible – Rogue Nation“ und „Codename U.N.C.L.E.“ hatte ich so viel Agenten- und Gut-gegen-Böse-Spaß, dass ich mir den humorlos wirkenden „Spectre“ mit dem als Bösewicht inzwischen überstrapazierten Christoph Waltz schenken kann. „Mission Impossible“ hingegen fühlte sich an wie ein Bond. Ein unbezwingbarer Held voller Körperlichkeit (erstaunlich überzeugend: Tom Cruise), dazu zahlreiche Gadgets und ein nerdiger Computerspezialist (wie erwartet perfekt in dieser Rolle: Simon Pegg), alles in allem also gepflegte Action mit dem nötigen Maß an Selbstironie; kein CGI-Inferno, keine Dumpfbacken-Oneliner, stattdessen bestes Hollywood-Kino für Menschen, die schon seit ein paar Jährchen Filme gucken.


Gleiches gilt für „Codename U.N.C.L.E.“, der jedoch in den 60ern zur Zeit des Kalten Krieges angesiedelt ist und an vielen Stellen erkennbar die Handschrift des Style-Over-Substance-Regisseurs Guy Ritchie trägt. Vielleicht ist das der Grund, dass der Film dermaßen gefloppt ist. Ich hatte jedenfalls sehr viel Spaß mit diesem temporeichen Stück Popcorn-Kino.



Aber mir hat ja auch der unisono gehasste Sci-Fi-Kitsch „Jupiter Ascending“ gefallen. A „glossy, entertaining hot mess“ schreibt ein Zuschauer bei der Internet Movie Database, und das trifft durchaus zu. Wenn man natürlich vom Genre Science Fiction Welterklärung, Testosteron-Action oder zumindest einen ernstzunehmenden Schurken wie Darth Vader erwartet, ist man hier falsch. Hier gibt es eine Aschenputtelgeschichte mit Mila Kunis, Ränken wie weiland im Denver-Clan und Eddie Redmayne als den überzeichnetsten Schurken des Jahres. Edeltrash vom Feinsten. Loved it!


Auch im Genre des Gangsterfilms mit politischem Subtext gab es für mich 2015 zwei herausragende Filme. Sowohl in J. C. Chandors „A Most Violent Year“ als auch in Denis Villeneuves „Sicario“ geht es um die Schwierigkeit, in einer verbrecherischen, korrupten und gewalttätigen Umgebung das Richtige zu tun und moralisch integer zu bleiben. In „A Most Violent Year“ versucht Oscar Isaac dies als Unternehmer im sumpfigen New York des Jahres 1981, in „Sicario“ Emily Blunt im Kampf gegen Drogenschmuggler an der US-amerikanischen Grenze zu Mexiko in der Jetztzeit. Chandors Film wirkt dabei dichter, die Geschichte runder und – trotz des sehr ansprechend inszenierten Zeitkolorits des Films – zeitloser als „Sicario“. Diesem zolle ich nach zweimaligem Sehen größten Respekt, und er enthält einige Sequenzen, die zu den besten zählen, die ich dieses Jahr gesehen habe – doch ins Herz schließen konnte ich ihn irgendwie nicht. Als faszinierend, aber seltsam artifiziell behalte ich „Sicario“ aber in sehr guter Erinnerung.    



Die beiden besten Horrorfilme des Jahres kannte ich schon vom letztjährigen Fantasy Filmfest. „The Babadook“ und „It Follows“ fanden im Jahr 2015 tatsächlich noch ihren Weg ins deutsche Kino. Was beide Filme großartig macht, ist, dass sie schon als reine Horrorfilme (Geistergeschichte respektive Untoten-Teenie-Slasher) ganz gut funktionieren. Richtig gut werden sie durch ihren jeweiligen Subtext. „The Babadook“ kann man problemlos auch als beklemmendes Psychogramm einer überforderten alleinerziehenden Mutter sehen,  „It Follows“, mal ganz verkürzt ausgedrückt, als psychologische, schwarzhumorige Studie zum Thema „wer fickt, stirbt“. Beide Filme haben überzeugende Darsteller (im Horrorgenre keine Selbstverständlichkeit), sind atmosphärisch, stilsicher und insgesamt einfach absolut großartig, und ich lege sie auch Leuten ans Herz, die mit Horror sonst wenig am Hut haben. 

Gestatten: Der Babadook


Wie bekomme ich jetzt die Kurve zu „Heidi“? Vielleicht indem ich erzähle, dass vernichtende Userkommentare auf der Moviepilot-Seite mein Interesse geweckt haben. Hier wurde dem Film vorgeworfen, dass er nichts mit der Trickfilmserie aus den 70ern gemein habe, dass er nicht genug lebensfrohe Szenen enthalte und somit für Kinder ungeeignet wäre. Klang großartig, war es auch. Ob der Film der Vorlage gerecht wird, weiß ich nicht, da ich nur die 70er-Jahre-Trickfilm-Serie kenne, aber ich muss sagen, dass ich ihn von dieser gar nicht so weit entfernt fand. Gut, der Film hat weniger Dauergegrinse und LSD-Farben. Auch hängt Heidi keine Schaukel zwischen den Wolken auf. Aber die Handlung war schon so, wie ich sie in Erinnerung hatte. Und ganz im Ernst finde ich, dass diese Heidi-Verfilmung von einer tiefen und ehrlichen Menschlichkeit geprägt ist, die vor allem dadurch zum Tragen kommt, dass die Lebensrealität auf dem Land bzw. eine Kindheit im 19. Jahrhundert hier realistisch und damit nicht unbedingt als angenehm dargestellt werden. Die sonstigen Pluspunkte des Films sind die wie erwartet großartigen Landschaftsaufnahmen und die unerwartet detaillierte Darstellung Alt-Frankfurts sowie Bruno Ganz, der mir als Alm-Öhi wesentlich besser gefallen hat als als Adolf Hitler.


Eine ganze Reihe guter Filme sah ich im Mannheimer Programmkino Cinema Quadrat, in dem man sich auf die geschmackssichere Auswahl der Macher verlassen kann. Hier bot sich mir die Gelegenheit, noch einmal die spanische Schneewittchen-Adaption Blancanieves zu sehen, die mich auch beim zweiten Mal in Entzücken versetzte, und Abdellatif Kechiches „Blau ist eine warme Farbe“ nachzuholen. Kechiches Filme, zu denen auch „L’esquive“ und „Couscous mit Fisch“ gehören, lege ich allen ans Herz, die Filme über Zwischenmenschliches mögen. Normale Menschen in recht alltäglichen Situationen, die Kechiche geduldig beobachtet, und zwar durchaus mit Anteilnahme, aber immer noch so distanziert, dass der Zuschauer stets selbst entscheiden kann, was er von bestimmten Verhaltensweisen der Filmfiguren hält. Ähnlich subtil fand ich den argentinischen Film „Abrir Puertas y Ventanas“, in dem drei Schwestern nach dem Tod ihrer Großmutter lernen müssen, allein im Leben zurecht zu kommen. Der Großteil des Films spielt im Haus der Großmutter, das trotz der offenen Türen und Fenster, auf die der Filmtitel abhebt, wie ein goldener Käfig ist, aus dem die drei jungen Frauen lange nicht herauszutreten wagen. Ein auf den ersten Blick sehr leiser und handlungsarmer Film, der aber bei genauerem Hinsehen sehr dicht und konzentriert inszeniert ist und bei dem Kommunikation oft nonverbal abläuft. Ich fühlte mich sehr an meinen letztjährigen Arthouse-Liebling Like Father,like Son erinnert.


Bevor es jetzt aber zu gefühlig wird, haue ich noch mal einen handfesteren Film raus. Sion Sono, der Garant für mehr oder weniger gepflegten Irrsinn, bereitete mir in diesem Jahr vor allem mit seinem Battle-Rap-Film „Tokyo Tribe“ große Freude. Eigentlich ein Musical, aber eben mir japanischer Rapmusik, Action, Gewalt, massig Spezialeffekten, waghalsigen Kamerafahrten und einem enormen Tempo; griechische Tragödie, Shakespeare, grellbunter Kitsch und Gangster-Pulp-Fiction. Und wer nach knapp zwei Stunden audiovisueller Überwältigung noch irgendetwas aufnehmen kann, bekommt am Ende sogar eine kleine menschliche Botschaft nachgeliefert. Wie schön. Oh, und Hut ab vor der Untertitelung dieses Filmes, der es tatsächlich größtenteils gelang, den Flow der gerappten Passagen so wiederzugeben, dass das Mitgelesene immer noch zur Musik passte. 


Ansonsten kann ich mit „Der große Demokrator“ und „Von Caligari zu Hitler“ zwei sehr spezielle Dokumentationen empfehlen. Eine DVD-Entdeckung war der Film „Locke“ (deutscher Titel: „No Turning Back“, ja, deutsche Verleiher halten ihr Publikum auch weiterhin für etwas minderbemittelt), in dem Tom Hardy auf einer Autofahrt wesentliche Lebensentscheidungen trifft. Der Film ist ein Kammerspiel auf engstem Raum (fast die komplette Handlung spielt im Auto) und eine schauspielerische Glanzleistung Hardys. Eine echte Entdeckung, die ich Freunden des Dialogkinos ans Herz lege.


Enttäuschend fand ich hingegen die durch und durch kommerzialisierten „Minions“, ein Film ohne Herz und Seele, der versucht, alles richtig zu machen, um einen möglichst großen Profit zu erwirtschaften. Und die kleinen gelben Anarchocharaktere werden einem in ihrer Omnipräsenz bald so zum Hals raushängen wie vor vielen Jahren Alf und Garfield am Ende ihrer Verwertungskette. Recht seelenlos und leider auch ziemlich prätentiös fand ich Alex Garlands „Ex Machina“, der zum Thema künstliche Intelligenz jetzt auch nicht so viel Neues und vor allem Interessantes sagen kann, wie er gerne würde. Und schließlich hatte ich mir auch von der Verfilmung von Tom Rob Smiths Roman „Child 44“ mehr versprochen. Ziemlich verkrampft kam diese hochkarätig besetzte Verfilmung daher, was mich letztlich viel mehr gestört hat als der unvermeidliche Verlust der Komplexität der Romanvorlage. Der Film ist weder spannend noch actionreich, sondern wirkt so, als wäre den Machern zu jedem Zeitpunkt bewusst gewesen, dass ihr Film hinter dem Buch zurückbleiben wird.

Schließen möchte ich aber mit einem letzten Kino-Höhepunkt, den es auch schon auf DVD zu kaufen gibt. „Die Legende der Prinzessin Kaguya“ ist ein Studio-Ghibli-Film, allerdings nicht vom bekannten Regisseur Miyazaki, sondern von Isao Takahata. Dessen Stil unterscheidet sich vor allem in der Ästhetik. Die Bilder wirken wie Tuschezeichnungen, sind teilweise extrem stilisiert oder wirken wie Skizzen und fast schon abstrakt, und dennoch ist der Film zart fließend animiert. Und so schön, dass man ihn immer wieder anhalten möchte, um ein Bild länger betrachten zu können. Dazu kommt die ungewöhnliche Geschichte des weiblichen „Bambussprösslings“, der von seinen wohlmeinenden, aber auch etwas eitlen Zieheltern aus einer einfachen, aber unschuldigen Welt im Lot herausgerissen wird und zur Adligen erzogen wird. Klingt schon wieder nach „Heidi“, geht aber inhaltlich weitaus tiefer und verwehrt dem Zuschauer ein Happy End. Ein bittersüßes Meisterwerk, das einen mit der Frage konfrontiert, wann man das letzte Mal so richtig glücklich. Und zwar nicht nur im Kino, sondern im wahren Leben.

Montag, 28. Dezember 2015

Das Konzertjahr 2015




10/10 – perfekte Konzerte
Es gibt kaum etwas Subjektiveres als einen Konzertbesuch. Wenn es blöd läuft, hat man Karten für Matthew E. White, wäre aber eher in der Stimmung für Deichkind. Mal hätte man sich mehr Zuschauer für Band oder Künstler gewünscht und fühlt sich in einem großen Saal verloren, mal verflucht man den Hype, da man nur den Stiernacken des Vordermanns sieht und bei jedem mit hochgerissenen Armen skandierten „Ja, Mann!!“ seinen Begeisterungsschweiß riecht.
Aber gar nicht so selten stimmt alles, oder es spielt eine Band, die einen alle widrigen Umstände vergessen macht. Motorama konnten mich im ersten Halbjahr 2015 gleich dreimal vollkommen entzücken, Balthazar gelang es im Dezember, das komplette Glück hervorzurufen. Wandas Rockzirkus funktionierte sowohl im Festival-Kontext auf dem Maifeld Derby als auch in der ausverkauften Halle 02 in Heidelberg. Ähnlich verschwitzt verließ ich das Konzert nur beim alljährlichen sommerlichen Gastspiel der kolumbianischen Stadionrocker Doctor Krápula im beschaulichen Frankfurter Bett. Musikalisch haben mich Austra und Von Spar komplett mitgerissen, wobei hier vermutlich eine Rolle spielte, dass ich beide Konzerte neugierig, aber ohne große Erwartungen besucht habe.  Und schließlich ist es manchmal einfach die Person, die den Zauber ausmacht. Das Konzert mit dem größten Sympathiefaktor spielte der entspannte und gut gelaunte Erlend Øye auf dem leider letzten Rüsselsheimer Phonopop Festival, und auch Anna Aaron fand ich im Rahmen des „Vereinsheims“, in dem sie zusammen mit Stefan Honig und David Lemaitre auftrat, einmal mehr vollkommen entzückend.


Hier die Liste:

Motorama (Café Central Weinheim / Schlachthof, Wiesbaden / Maifeld Derby, Mannheim)


Balthazar (Alte Feuerwache, Mannheim)       
(vier Wochen vor dem Mannheimer Konzert in Frankfurt)

Wanda (Maifeld Derby, Mannheim / Halle 02, Heidelberg)


Doctor Krápula (Das Bett, Frankfurt) 


Austra (Halle 02, Heidelberg)


Von Spar (Maifeld Derby, Mannheim)

Erlend Øye & The Rainbows (Phonopop Festival, Rüsselsheim)



Anna Aaron (im Rahmen von "Das Vereinsheim", Alte Feuerwache, Mannheim)




9/10 – herausragende Konzerte
Wie subjektiv Konzerterlebnisse sein können, zeigt auch die zweite Liste. Empfand ich Archive vor ein paar Jahren im Karlsruher Substage noch als leicht nervige und aufgeplusterte Krachcombo, überzeugte mich ihr druckvoller Postrock im großen Zirkuszelt des Mannheimer Maifeld Derbys komplett. Zoot Woman, die ich als leicht langweilige Hipster abgespeichert hatte, nahmen mich im für ihre Art von Musik und Show viel zu klein geratenen Frankfurter Zoom vollständig für sich ein.

Ansonsten finden sich mit Róisín Murphy, Gabby Young und Joachim Witt in dieser Liste drei begnadete Rampensäue, deren Musik ich zu Hause nicht unbedingt (ach, ehrlich gesagt eigentlich gar nicht) höre, denen ich aber jederzeit gerne wieder zujuble, wenn sie eine Bühne betreten. Ghostpoet und Fink waren echte musikalische Entdeckungen, The Notwist bewährte Qualität, wobei ich das Ambiente des Sitzkonzertes im Ludwigshafener Theatersaal nicht optimal fand. Und Get Well Soon spielten in der ausverkauften Frankfurter Brotfabrik drei Konzerte in einem einem. Sehr speziell und sehr, sehr gut.

Hier die Liste:

Get Well Soon (Brotfabrik, Frankfurt)

Zoot Woman (Zoom, Frankfurt)
(hier auf ungleich größerer Bühne)

Róisín Murphy (Maifeld Derby, Mannheim)

Gabby Young & Other Animals (Centralstation, Darmstadt)
das einzige Konzert des Jahres 2015, bei dem ich zum Smartphone griff und fotografierte

Joachim Witt (Batschkapp, Frankfurt)
(Für Eilige: der Song beginnt bei 2:47min.)

Fink (Maifeld Derby, Mannheim)


Ghostpoet (Maifeld Derby Mannheim)

Archive (Maifeld Derby, Mannheim)

The Notwist (Theater im Pfalzbau, Ludwigshafen)


8/10 - sehr gute Konzerte
Was sonst noch im Gedächtnis bleibt, sind Konzerte, die auf die eine oder andere Weise besonders waren. Kraftwerks 3D-Show in der Frankfurter Jahrhunderthalle war erwartungsgemäß überwältigend, Alt-Js bombastische Lightshow hatte ich so nicht erwartet, fand sie aber eine geschmackssichere und passende Ergänzung zur Musik, die mich leider nach wie vor nicht auf Dauer elektrisiert. Die Sterne und Element of Crime sind mir in inzwischen zwei Jahrzehnten (*schluck*) so ans Herz gewachsen, dass ich ihre Konzerte auch dann genießen kann, wenn mich das gerade aktuelle Album wenig berührt. Auch Jacques Palminger ist mir musikalisch mit den Kings of Dubrock zwar näher, konnte mich aber selbst mit einer Jazzcombo im Gepäck faszinieren und begeistern. Ähnlich verhält es sich mit dem Rapper Astronautalis, der das Zirkuszelt des Maifeld Derbys am Sonntagnachmittag so zum Toben brachte, dass er es selbst kaum glauben konnte; ein Charismatiker, dessen Musik ich im heimischen Wohnzimmer aber vermutlich nicht lange ertragen könnte. Musikalische Entdeckungen gab es für mich hingegen mit Okta Logue, Other Lives, Battles und Lars Bygden, und bei José Gonzalez, Station 17 und Ulrich Schnauss die erhoffte und erwartete Qualität. Ein besonderes Konzert war das von Mia im spärlich besuchten Musiktheater Rex in Bensheim. Hatte diese Band nicht vor ein paar Jahren noch die Stadthalle Offenbach gefüllt? Büßt Sängerin Mieze jetzt für ihre Teilnahme in einer Castingshow-Jury? Wollte man den Erfolg zu sehr und hat den damit Bogen überspannt? Oder sitzt der Mia-Fan von vor fünf Jahren inzwischen stressgeplagt zwischen Kleinkindern und Karriere im lange noch nicht abbezahlten Eigenheim und kann es sich daher nicht mehr erlauben, unter der Woche auszugehen? Wie immer die Antwort auch ausfällt, ich hatte das Glück eine energiegeladene, spielfreudige Band zu sehen, die erfreulich oft wie in ihren neongelben Anfangstagen klang. 

Hier die Liste: 

Jacques Palminger & 440Hz Trio (Literaturhaus, Frankfurt)

Element of Crime (Jahrhunderthalle, Frankfurt)

Station 17 (Schlachthof, Wiesbaden)

Die Sterne (Café Central, Weinheim)

José Gonzalez (Maifeld Derby, Mannheim)

Astroanautalis (Maifeld Derby, Mannheim)

Other Lives (Phonopop Festival, Rüsselsheim)

Okta Logue (Phonopop Festival, Rüsselsheim)

Battles (Zoom, Frankfurt)

Lars Bygden (Kulturbahnhof, Bad Homburg)

Mia (Musiktheater Rex, Bensheim)

Alt-J (Maimarkthalle, Mannheim)


Ulrich Schnauss (Das Bett, Frankfurt)

Kraftwerk (Jahrhunderthalle, Frankfurt)
erwachsene Männer mit albernen Brillen beim Boing Bum Tschak


Und sonst so?
Auch in diesem Jahr gab es wieder Konzerte, die ich gerne noch mehr gemocht hätte. Talking to Turtles oder auch Stefan Honig sind für mich echte Sympathieträger, aber auf ihren Konzerten gibt es immer mal wieder Songs, auf die ich mich nur schwer konzentrieren kann. Bei Sophie Hunger warte ich immer darauf, dass noch einmal der Zauber ihres Konzertes auf dem Hannoveraner Bootboohook Festival von 2011 entsteht, doch auch in diesem Jahr wirkte die Dame auf mich eine Spur zu professionell und routiniert. Bei Public Service Broadcasting im Foyer des Mannheimer Nationaltheaters war es eindeutig das kleine und überdies auch recht distanzierte Publikum, das das Konzert kein großes werden ließ. Und das Wortspiel, dass mir Die Nerven nach einer Weile auf die Nerven gingen, obwohl ich sie doch so gerne mögen wollte, lasse ich mal aus.

Ansonsten habe ich in diesem Jahr gelernt, dass originelle Bandnamen noch lange nicht originelle Musik bedeuten (The Allah-lahsFoxygenKäptn Peng und die Tenktakel von Delphi) und dass süßen Indiemädchen mit akustischen Gitarren und kleinen Keyboards offenbar niemand mehr sagt, dass man erst mal ein paar interessante Songs schreiben und ein Instrument einigermaßen erlernen sollte, bevor man sich auf eine Bühne setzt (LuísaValentine).

Unbeliebt mache ich mich jetzt noch kurz damit, dass ich sage, dass ich Love A auf dem Mannheimer Maifeld Derby total langweilig und überschätzt fand.  

Zum Abschluss nun noch ein Song aus dem durchwachsensten Konzert des Jahres 2015, über das ich nach dem Besuch schrieb: „Licht und Schatten lagen selten so dicht beieinander. Gestern gastierten The Waterboys in der Frankfurter Batschkapp. Während todernst gemeinte Coverversionen von "Roll Over Beethoven" und "Purple Rain" eher an eine alternde Muckercombo auf dem Mannheimer Stadtfest erinnerten, klang "We Will Not Be Lovers" so dicht, energisch und verzweifelt, wie ich es nie zu hoffen gewagt hätte“. Und das sind die Konzertmomente, die ich mir für 2016 auch wieder wünsche.


Alle Fotocredits siehe Fotos; Fotos ohne Credits sind private Bilder.
Die meisten Livevideos verdanke ich diesem You-Tube-Kanal: https://www.youtube.com/user/Weltmeisterinnen2011/

Sonntag, 27. Dezember 2015

Lieblinge 2015 - Track by Track

01 Lusts: Mouthwash
Wie ich auf Lusts gekommen bin, kann ich nicht mehr sagen. „Quelle: Internet“, ist alles, was ich noch weiß. Und „Mouthwash“ war der erste Song, den ich von diesem Duo hörte. Es folgte ein feines Album, von dessen Existenz so wenige Leute etwas mitbekommen haben, dass eines von zwei in Deutschland geplanten Konzerten gar nicht erst stattfand. Mich begeistert die Mischung aus 80er-Wave-Sound, Britpop-Euphorie und unverschämter Eingängigkeit. In einer besseren Welt ein echter Top-10-Hit.
Hier eine Liveversion vom Reeperbahnfestval:

02 Motorama: Red Drop
Mir nahestehende Menschen litten im ersten Halbjahr 2015 vermutlich schwer unter meinen unablässigen Lobpreisungen Motoramas. Totale Verblendung vermutlich, da auch mir mit etwas zeitlicher Distanz klar wurde, dass das 2015er-Album „Poverty“ nicht an die beiden Vorgänger heranreichen konnte. „Red Drop“ ist dennoch ein weiterer Song, der alles beinhaltet, was ich an dieser Band liebe: den klaren, dominanten Gitarrensound, den melancholischen Gesang, das Spannungsverhältnis von Rastlosigkeit und Harmonie, die bewusst unperfekte Schönheit dieser Musik.

03 Other Lives: 2 Pyramides
Da streben Other Lives schon eher nach Perfektion und betreiben ein entsprechend kalkuliertes Songwriting. Mit Erfolg, denn meinen anfänglichen Widerwillen, das Lied zu mögen (zu kalkuliert), habe ich inzwischen abgelegt. Dazu hat eventuell der Auftritt der Band auf dem letzten Phonopop-Festival beigetragen, denn live klingt das Ganze noch besser, wie man hier sehen kann: 

04 Balthazar: Bunker
Uneingeschränkter liebe ich aber Balthazar. Auch das „schwierige dritte Album“ hatte mal wieder so viele Hits, dass meine einzige Schwierigkeit darin bestand, einen Song für diese Zusammenstellung auszuwählen. „Nightclub“, „Decency“, „Then What“ oder „I Looked For You“ hätten problemlos auch ihren Weg hierher finden können, „Bunker“ wurde es letztlich, da der Song die Stärken der Band voll ausspielt: den mehrstimmigen Gesang, das Vermischen von klassischer Indie-Instrumentierung und Synthesizer-Sounds (im Live-Arrangement um eine Violine ergänzt), die scheinbare musikalische Leichtfüßigkeit mit ihren düsteren Untertönen. Mir nahestehende Menschen litten im zweiten Halbjahr 2015 vermutlich schwer unter meinen unablässigen Lobpreisungen Balthazars. Aber wenn eine Band ein 100-Minuten-Konzert spielt und ich nur bei einem Lied kurz denke, dass sie das auch gut und gerne hätten sein lassen können, dann kann man da schon von einer Lieblingsband sprechen.

05 Von Spar: V.S.O.P.
Das vielgelobte Von-Spar-Album „Streetlife“ aus dem vergangenen Jahr habe ich mir erst dieses Jahr im Spätprogramm des Mannheimer Maifeld Derbys erhören können. 10 Jahre sind seit dem wunderbar krawalligen „Ist das noch populär?“ vergangen, und die Musik der Band ist nicht wiederzuerkennen. 80er-Elektronik ist der rote Faden, mal eher im Hintergrund, wie bei dem fast schon als Discohit bezeichenbaren „Chain of Command“, mal dominierend, wie in dem verspielt-abstrakten „Hearts Fear“. „V.S.O.P.” verbindet die beiden Pole und beginnt zugänglich wie ein Popsong, nur um sich in seinem weiteren Verlauf zu einem Instrumentaltrack zu entwickeln, der an die guten John-Carpenter-Soundtracks erinnert. Das war übrigens auch live ganz toll, auch wenn den angeschickerten Partypeople des Festivals definitiv der Abgehbums gefehlt hat. Wohl dem der hormonell gefestigt ist.    




06 Mike Simonetti: The Magician (from the motion picture “The Guest”)
Wo wir doch gerade bei Soundtracks waren. Der an sich recht simple Horrorthriller „The Guest“ lebt vor allem von Setdesign und Soundtrack. In „The Magician“ hört man das Böse förmlich langsam, aber unaufhaltsam auf einen zumarschieren. Fans von Old-School-Zombies bis „It Follws“ wissen, wovon ich rede, und Mike Simonetti weiß es auch. Ich verstehe alle, die hier die Nase rümpfen und mit erhobener Augenbraue darauf verweisen, dass „Drive“ jetzt auch schon ein paar Jährchen her und es mit dem 80er-Jahre-Retroschick auch mal wieder gut ist. Mag sein. Ich habe dennoch nichts gegen diesen Nachschlag.  

07 Bilderbuch: Maschin
Muss ich zu Bilderbuch noch etwas sagen? Ich verweise einfach nur auf Linus Volkmann, der, wie so oft, Recht hat. Und wenn ich mich festlegen müsste, wäre das hier mein Song des Jahres.

08 Francis: Horses
Kleines Kontrastprogramm zum dick aufgetragenen Bilderbuch-Sound und der letzte Song, der es auf die Jahrescharts geschafft hat. Francis habe ich vor Jahren mal im Offenbacher Hafen 2 gesehen, eine schwedische Band, die ihr Ding macht und ihre Musik mit Herzblut produziert und spielt. 2016 kommen sie wieder, mit neuem Album; ich plane, dabei zu sein und freue mich an dieser Stelle schon mal vor.

09   Zoot Woman: Silhouette
Bei Zoot Woman wusste ich ja jahrelang nicht so recht, was ich von ihnen halten soll. Jedes Album enthält ein paar Überhits und viel Leerlauf. So ist es sicherlich auch mit dem aktuellen Album „Star Climbing“, und „Silhouette“ ist nicht einmal so ein großer Wurf wie „Grey Day“ oder „We Won’t Break“. Aber Zoot Woman haben im Frankfurter Zoom eines der für mich nachhaltigsten Konzerte des Jahres 2015 gespielt. Große Sounds auf kleiner Bühne, auch hier wieder gelungene 80er-Jahre-Referenzen (ja, sorry…) und eine Setlist vom Feinsten. Gäbe es eine LiveLieblinge-CD, wären Zoot Woman garantiert dabei; gibt es aber nicht, daher eben an dieser Stelle.

10 Erlend Øye: La prima estate
Erlend Øye habe ich nach 2012 aus den Augen verloren, da ich ihn in diesem Jahr mit The Whitest Boy Alive einmal zu oft als unsympathischen Großkotz auf einer Bühne erleben musste. Bezeichnenderweise wurde dieses Projekt wohl auch kurz darauf auf Eis gelegt und bereits 2013 entstand „La prima estate“, ein wunderbar entspanntes Stück Sommermusik, das ich auf dem wunderbar entspannten sommerlichen Phonopop Festival erstmal zu hören bekam. Hier konnte ich meinen Frieden mit dem Mann machen, dem der Umzug von Berlin nach Sizilien sichtlich gut getan hat. Dass keiner der Songs seines letzten Albums „Legao“, das ich mir nach dem positiven Livererlebnis zugelegte, hier gelandet ist, sondern „La prima etsate“, liegt an meiner lieben Tochter Luise, die das Video zu dem Lied zu ihrem Lieblingsvideo erklärt hat und es mehrmals die Woche mit dem Schlachtruf „Manmi-briehlle!“ (meint: „Mann mit Brille“) einfordert. Also dann: „Vai, vai, vai, vai“ und „Günther! Windrad!!“ (Nein, das muss man nicht verstehen).

11 Thomas Dutronc: Allongés dans l’herbe
2015 gab es den ersten Sommerurlaub in Frankreich seit 2011 und insofern viel schöne, neue französische Musik. Ein Dreierpack findet sich hier wieder, und den Anfang macht Thomas Dutroncs dynamischer Sommersong zum Thema Heiraten. Wie passend im Jahr 2015.

12 Marc Lavoine: J’ai vue la lumière
Französischer als Marc Lavoine geht es kaum. Bereits 2012 entstand „J’ai vue la lumière“, ein Lied, bei dem ich, wie bei vielen Liedern Lavoines, gar nicht sagen kann, warum es mir so gefällt. Ich vermeide bewusst das Wort Song, denn Chanson trifft es hier eher, und Marc Lavoines Chansons werde ich vermutlich für immer mit Autofahren bei offenem Fenster in Südfrankreich verbinden; mit Sommer, Sonne und Sorglosigkeit.

13 Dieselle: Magic Key (version française)
Und da kann ich doch gleich noch mal den peinlichen Lieblingssong des Jahres nachschieben. Chartmusik, bei der ich im deutschen Kommerzradio und auf Englisch vorgetragen vermutlich die Nase rümpfen würde. Aber wenn man den Song jeden Morgen im Urlaub bei Croissant und Milchkaffee hört, dann ist er positiv konnotiert und gesellt sich im Gehirn schamlos als schön zu der Musik, für die man sich nicht zu schämen braucht.

14 Ghostpoet: X Marks the Spot
Nein, nicht nur zur Rettung des Renommees, sondern weil mir Ghostpoets Album „Shedding Skin“ (Mercury Prize – Albums of the Year 2015, soviel zum Thema Rennomee (zwinkersmiley)) tatsächlich extrem gut gefällt. Auch hier mal wieder ein Künstler, dessen Musik sich mir über ein Konzert erschlossen hat. „Komplett Aggressions- und Machismo-freie HipHop-Blues-Poesie“ schreibt der SPEX-Fachmann und bringt auf den Punkt, warum ich diese Musik mag. 

15 Diagrams: Gentle Morning Song
Zack, da ist wieder so ein lässiger Superhit von Sam Genders alias Diagrams. Waren es 2012 „Ghost Lit“ und „Tall Buildings“, ist es dieses Jahr „Gentle Morning Song“, bei dem man sich fragt, wo so ein perfekt harmonischer Song herkommt. Wurde mir auch nach zahllosem Hören nicht überdrüssig.

16 Get Well Soon: Careless Whisper
Ein weiterer Geniestreich des Herrn Gropper. Einer der schlimmsten, schleimigsten und schmierigsten Songs der 80er-Jahre wird von Get Well Soon als Paranoia-Pop neu interpretiert. Tempo raus, neurotischen Gesang und düstere Melodramatik-Instrumentierung rein und schon ist das Lied gut hörbar, und im Wissen um das schwer erträgliche Original eben besagter Geniestreich.  

17 Wanda: Bleib wo du warst
Die dürfen im Jahr 2015 natürlich auch nicht fehlen. Und bei Wanda hätte es auch noch einige andere passende Songs gegeben: „Meine beiden Schwestern“, „Stehengelassene Weinflaschen“, „Auseinandergehen ist schwer“ oder eben gleich direkt „Bologna“. Da mir Wanda im vergangenen Jahr durchgegangen sind, hatte ich im Jahr 2015 gleich die große Auswahl aus zwei Alben. „Bleib wo du warst“ bringt für mich das Faszinosum der Band auf den Punkt: handgemachte Rockmusik, die einen nicht peinlich berührt, und alkoholgeschwängerte Mitgröhltexte, die so abstrakt bleiben, dass einen der Verstand nicht am Mitgröhlen hindert. Ein Hype des Jahres, dessen Teil ich gerne war (so wieder Typ, der im untenstehenden Video bei 1:05 Min. die Bühne erklimmt).

18 Deichkind: Denken Sie groß
Diese Herren hatte ich in den letzten Jahren ja etwas abgeschrieben, nachdem nur noch die Buddel peng machte und Offensichtliches wie die Tatsache, dass Arbeit nervt festgestellt wurde. Aber sie haben schon recht: wenn man nach einiger Zeit mal wieder „So ´ne Musik“ hört und diese noch dazu textlich zu alter, ironischer Hochform aufläuft, dann kann man Deichkind auch wieder mögen.

19 Fink: Pilgrim
Neben Von Spar und Ghostpoet meine dritte große musikalische Entdeckung des diesjährigen Maifeld Derbys. Der aus der elektronischen Ecke stammende Herr Fink überträgt Trackstukturen in die musikalische Ecke Folk/Blues/ Songwritertum, in der er sich heutzutage bewegt, und lässt grandiose, dramatische Stücke, wie dieses entstehen. „From small beginnings to big endings“ eben.

20 – Die Sonne: Kriege (live at Hamburger Küchensessions)
Die Zusammenstellung von 2015 endet da, wo die von 2014 begann. Ein bisher unveröffentlichtes Stück der Wolke-Nachfolge-Band Die Sonne, das einmal mehr die grandiosen Qualitäten von Sänger und Texter Oliver Minck offenbart. Worte und Musik kommen so harmlos daher, konfrontieren einen Zuhörer, der wirklich zuhört, aber eigentlich mit der Frage, ob er lieber Wutbürger oder Biedermeier sein will, ob er die Augen lieber auf macht oder den Rolladen runter. Und bei so einer Frage kann man am Ende des Jahres 2015 eigentlich nur schwer schlucken. 

Sonntag, 22. März 2015

Das Filmjahr 2014

10/10 - die perfekten Filme

Viermal volle Punktzahl für vier sehr unterschiedliche Filme.

 An erster Stelle steht, der unisono geliebte Grand Budapest Hotel, über den ich nach dem Kinobesuch schrieb:
"Der erste Zehn-Punkte-Film des Jahres. Schon die Eröffnung mit der verschachtelten Erzählweise (Studentin liest Buch eines Autors, der als junger Mann einen Hotelbesitzer getroffen hat, der ihm die Geschichte eines Concierge erzählt hat, die dann die eigentliche Filmhandlung ist) macht Laune. Diese trägt zwar nichts zum eigentlichen Film bei, führt einen aber ganz wundervoll in den Kosmos des Wes Anderson ein, wo alles irgendwie bunter und comichafter ist, skurriler und der Realität leicht entrückt. Litt ich in Andersons andere Filme manchmal nach einiger Zeit an Ermüdung ob ihrer Skurrilität, die einem doch sehr nach einer Kunst um der Kunst willen vorkam, oder ob des Mangels einer interessanten Geschichte, funktioniert Grand Budapest Hotel über seine komplette Laufzeit, da er immer neue Wendungen und immer neue Charaktere auffährt, so dass Langeweile gar nicht aufkommen kann. Und auch die Fülle an Details ist dieses Mal in genau dem richtigen Maß, dass man nie das Gefühl bekommt, jetzt sei es aber auch mal gut mit dem Nonsens. Im Gegenteil: ich konnte mich gar nicht satt sehen an den Details im Hintergrund. Die Riege der Hollywood-Größen, die man in schrägen Moden und Makeup erst mal erkennen musste, trug auch zu dem nachhaltigen Spaß bei, ebenso wie schließlich die Tatsache, dass Andersons Film eigentlich eine Liebeserklärung an das alte, verlorene Europa des beginnenden 20. Jahrhunderts ist, mit all seinen Absurditäten und Schwächen. Vielleicht ist es ja dieses Herzblut, das man hier spüren konnte, was den Film für mich zu dem gelungensten dieses Regisseurs macht." (17.3.2014)

Auch der zweite Konsensfilm des Jahres, Boyhood, erhält volle Punktzahl von mir. Allein das Konzept des Films, eine Kindheit und Jugend über mehr als ein Jahrzehnt zu begleiten und daraus einen Film von etwa drei Stunden Länge zu drehen, verdient Respekt. Dass der Film auch noch wunderbar funktioniert, liegt am guten Händchen, das die Macher beim Cast des Films hatten. Und allein Patricia Arquette im Zeitraffer altern zu sehen, ist faszinierend. Doch letztlich ist es wie bei jedem anderen sehr guten Film, es ist die Story, die funktioniert und in ihrer Umsetztung fasziniert, die (zumindest für die westliche Welt) universale Geschichte eines Heranwachsenden, der seine Höhen und Tiefen erlebt, unaufdringlich und mit viel Menschlichkeit erzählt.

Um menschliche Abgründe geht es in Gone Girl. Ich kenne die Buchvorlage nicht, insofern kann ich nicht sagen, ob es sich hier um eine gelungene Verfilmung handelt, ein gelungener Film ist Gone Girl aber allemal. Die Geschichte von der verschwundenen Ehefrau, deren Verschwinden ihrem Gatten angelastet wird, ist spannend, voller Wendungen und fährt ein hohes Tempo. Das funktioniert schon als Thrillergeschichte ziemlich gut, wird dann aber richtig interessant durch den stets unterschwellig vorhandenen gesellschaftlichen Kommentar zum Thema Geschlechterrollen und ihre mediale Darstellung. Dieser Kommentar ist bitter, wird aber so beiläufig und süffisant sarkastisch serviert, dass der Film vor allem Spaß macht, auch wenn man sich manchmal schon ein wenig für sein Amüsement schämt. Erwähnte ich schon die Darsteller? Dem allgemeinen Lobgesang auf Rosamund Pike schließe ich mich an, muss aber vor allem auch Mr All-Amercian-Guy Ben Affleck loben, der seine typische Klischeerolle spielt und dem man damit länger seine Unschuld glaubt, als man sie vermutlich einem ernsthafteren Charaktermimen abgenommen hätte.

Der vierte Film ohne Abstriche ist ein weniger offensichtlicher: Oktober, November erzählt die Geschichte der Rückkehr einer erfolgreichen Schauspielerin zu ihrem kranken Vater und ihrer Schwester, die in Österreich irgendwo auf dem Land einen Gasthof betreiben. Regisseur Götz Spielmann war mir von seinem vorherigen Film "Revanche" als versierter Beobachter von Zwischentönen im menschlichen Miteinander aufgefallen, und in "Oktober, November" gelingt ihm ein intensives Familienporträt, in dem emotionale Verbundenheiten und unüberwundene Kränkungen nebeneinander stehen und stets im Handeln der Figuren durchschimmern. Der bevorstehende Tod des Vaters verleiht der Konstellation Dynamik, treibt die Handlung voran und verleiht dem Film zudem eine weitere inhaltliche Facette. Ich war beeindruckt, fühlte mich als Zuschauer ernst genommen und ging mit vielen Gedanken im Kopf nach Hause. Mehr kann man vom sogenannten Arthouse.Kino kaum erwarten.    


9/10 - die sehr guten Filme

Und gleich noch ein Österreicher eröffnet die Riege der sehr guten Filme des Jahres 2014:
Das finstere Tal, an sich ein Western, über den ich nach dem Kinobesuch schrieb:
"Da ist er, mein erster Lieblingsfilm des Jahres 2014. Und ich wiederhole mich gerne und sage: die besten deutschsprachigen Filme kommen aus Österreich. Andreas Prochaskas „Das finstere Tal“ ist ein Italo-Western in den österreichischen Alpen, eine an sich simple, aber nachdrücklich erzählte und inszenierte Rachegeschichte. Ganz klar Style over Substance, aber was für ein Style! Eine Kamera, die in einer feindlichen, aber faszinierenden Landschaft schwelgt und lange auf ungewöhnlichen Gesichtern ruht. Viele nachhaltige Bilder, Einstellungen und Szenen; der ganze Film ist ein ästhetisches Fest, was allerdings auch ästhetisierte Hässlichkeit und Gewalt einschließt. Wer so was mag, wie ich, kommt voll auf seine Kosten, zumal der Film auch zahlreiche Referenzen an das erwähnte Genre des Italo-Western enthält. Allein vor deren teilweise extremer Gewalt und oft nihilistischer Weltsicht schreckt Regisseur Prochaska ein wenig zurück. Eigentlich gut so, denn im Jahr 2014 ist der Genrefilm raus aus der Schmuddelecke des Bahnhofskinos, und Tabubrüche haben nur noch die ganz Aufmerksamkeitsgeilen nötig (schöne Grüße an Lars von Trier).  Andreas Prochaska jedenfalls hat sie nicht nötig. Er hat einfach einen wunderbaren Film gemacht, dem ich viele, viele Zuschauer wünsche und den ich nur in höchsten Tönen loben kann." (11.2.2014)


Nun könnte ich natürlich zum Diss gegen den deutschen Film ausholen - Schweiger, Schweighöfer, Hallervorden - doch stattdessen lobe ich einen Film, von dem ich mir im Vorfeld nicht viel versprochen hatte. Der Trailer von Im Labyrinth des Schweigens sah nach einem dem Zeitgeist entsprechenden "Schlimm war's bei den Nazis"-Film aus, für den ein smarter Junganwalt als Figur geschaffen werden musste, damit die Geschichte um die verdrängte Nazischuld im Deutschland der 1950er-Jahre gefällig aufgepeppt und verdaulich erzählt werden kann. Mea culpa. Die Figur des von Alexander Fehling verkörperten Sympathieträgers dient naürlich der Dramatisierung des komplexen Themas, doch macht es sich der Film nicht leicht. Weder kann Fehling sich alleine behaupten, sondern ist auf Mitarbeiter angewiesen, noch kann er seine hochgesteckten Ziele (Ergreifung des KZ-Arztes Josef Mengele) erreichen. Immer wieder werden ihm Steine in den Weg gelegt, und am Ende muss er erkennen, dass er die wahren Schuldigen nicht ihrer gerechten Strafe zuführen kann, sondern in erster Linie einen Prozess gegen das Vergessen einer verdrängten Schuld führt. Insofern macht der Film im Kern schon Hintergründe, Probleme und Kontext der Auschwitzprozesse klar. Deren realer Protagonist Fritz Bauer taucht im Film überdies auch in der zurückhaltenden und nuancierten Darstellung durch Gert Voss auf. Spannend und doch nicht reißerisch, engagiert und doch differenziert; "Im Labyrinth des Schweigens" ist nach langer Zeit mal wieder ein intelligenter Film über deutsche Geschichte, dessen zentrale Botschaften nicht nur "Hitler war's" und "War schon schlimm" sind. 

Einen ganz anderen Blick auf den Zweiten Weltkrieg wirft Heinz Emigholz' The Airstrip – Aufbruch in die Moderne, augenscheinlich erst einmal ein Film über Architektur, bei dem vor allem Emigholz' ungewöhnlicher filmischer Stil auffällt, in dem Gebäude nie mit Kamerabewegung, sondern, ähnlich wie bei einer Diashow, in aufeinanderfolgenden, statischen Bildern festgehalten werden. Der Effekt ist beeindruckend, da die Bewegung in den einzelnen Bidlern stets nur durch die Umwelt des Gebäudes (vorbei laufende Menschen, durch das Bild fliegende Vögel, im Wind rauschende Bäume) entsteht. Doch auch wenn die Architektur im Vordergrund steht, geht es in Emigholz' Film eigentlich um das 20. Jahrhundert. "Gib einem lächerlichen Mann eine Armee und er ist nicht mehr lächerlich", sinniert die Offstimme zu Beginn, und der rote Faden des Films ist der Atombombenabwurf auf Hiroshima und Nagasaki am Ende des Zweiten Weltkrieges. Grenzenloses Selbstvertrauen und Fortschrittsglaube, irrsinnige Selbstüberschätzung und ungekannte Zerstörungen prägen dieses Jahrhundert und haben ihren Ausdruck in seiner Architektur gefunden. So spannt sich der Bogen vom leerstehenden, protzigen Jugendstilkaufhaus in Görlitz zum postmodernen Einkaufszentrum, dessen Verfall bereits wenige Jahre nach seiner Errichtung einsetzt und das außerhalb des Films auch im Musikvideo zum Kreidler-Track "Sun" bewundert werden kann. Auch wenn man nur im Film einen ganz konkreten Zusammenhang zum Zweiten Weltkrieg erfährt.

Eine ganz andere Herangehensweise an das Zhema findet sich in Hayao Miyazakis Wenn der Wind sich hebt, der die Geschichte des Konstrukteurs der kleinen japanischen Kamikazeflugzeuge aus dem Zweiten Weltkrieg erzählt. Miyazakis Film ist vor allem eine (weitere) Liebeserklärung ans Fliegen und der Ausdruck seiner Bewunderung für einen von einer Idee entfachten Erfinder und Konstrukteur. Wie in seinen anderen Filmen findet er dafür wunderbare Bilder und erinnert den Zuschauer daran, dass Animationsfilm nicht zwangsläufig knallbunt, hektisch und voller sprechender Tiere sein müssen.
Ein weiterer japanischer Film, der mich im Jahr 2014 sehr beeindruckt hat, war Like Father, Like Son, die Geschichte zweier vertauschter Babys, deren Eltern von der Verwechslung erst erfahren, als die beiden Jungen sechs Jahre alt sind. Der Film schildert das Kennenlernen der beiden sehr unterschiedlichen Familien und ihr Umgehen mit der Situation, wobei vor allem der traditionsbewusste und erfolgreiche Geschäftsmann Ryoto, für den die Blutsverwandtschaft entscheidend ist, einen Erkenntnisprozess durchläuft. "Like Father, Like Son" ist ein Film, bei dem man nicht weiß, wie melodramatisch und rührselig er hätte werden können, wenn sich ein großes Hollywoodstudio des Themas angenommen hätte. Hirokazu Koreeda geht das Thema erfreulich unaufgeregt an. Er schildert den Alltag mit seinen Höhen und Tiefen, Momente der vorsichtigen Annäherung, aber auch der Enttäuschung,. Es ist ein Film der leisen Töne, dessen größte Stärke die Sympathie des Regisseurs für alle seine Figuren ist. Der erfolgreiche Geschäftsmann ist kein gefühlloses Monster, sein Gegenpart, der Elektrohändler Yudai ist zwar ein schluffiger Sympathieträger, der allerdings gerade seiner Ehefrau mit seinem Hang zu Chaos und Slackertum auch schon mal gehörig auf die Nerven geht. Nach "Boyhood" auf jedem Fall der schönste Film zum Thema Eltern und Kinder des Jahres 2014.    

Und schließlich noch zweimal Hollywood:
Christopher Nolans Interstellar ist ein optisches Kinovergnügen der schönesten Sorte. Eine Space-Opera, die keines 3Ds bedarf, um einen optisch umzuhauen. Dass es Nolan nicht bei Schauwerten belässt, sondern sich gerade zu Beginn des Films sehr viel Zeit für Charakterentwicklung nimmt, lässt den Zuschauer auch gebannt der Geschichte folgen. Die entwickelt sich ab einem gewissen Punkt zwar etwas in Richtung Physiker-Nerdtum, aber da heißt es für den Geisteswissenschaftler einfach mal das Hirn abschalten und die Bilder genießen. "Kino, dafür werden Filme gemacht" - dieser alte Werbespruch passt hier zu hundert Prozent.

Und schließlich die Abschiedsvorstellung von Philip Seymour Hoffman, Anton Corbijns A Most Wanted Man, ein Spionagethriller, in dem kein schillernder James Bond Superschurken besiegt und Häschen vernascht, sondern ein soziophobes menschliches Wrack Geheimdienstarbeit gegen die Mühlen der Bürokratie verrichtet. Die Spannung bezieht der Film nicht aus seiner Action, sondern aus der Handlung; Spannungskino für Erwachsene gewissermaßen, getragen von einem genialen Hauptdarsteller.

8/10 - die guten Filme

Ich beginne mal mit den Filmen, zu denen ich direkt nach dem Kinobesuch etwas geschrieben hatte:

The Secret Life of Walter Mitty
"Naiv, schlicht, oberflächlich - so urteilt die Kritik über "The Secret Life od Walter Mitty". Von mir aus. Ich fand Ben Stillers Film angenehm warmherzige Hollywood-Unterhaltung mit sympathischer Botschaft, guten Darstellern, fantastischen Landschaftsaufnahmen und exquisitem Soundtrack. Und mehr braucht es ja manchmal gar nicht.." (13.1.2014)

American Hustle
"Nominiert für zehn Oscars! Und doch fragt sich der erfahrene Gangster- und Gaunerfilmgucker in der ersten halben Stunde, ob er diese Art von Geschichte nicht schon ein paar Mal gesehen hat: ein Betrügerpärchen gerät in die Fänge eines ehrgeizigen FBI-Agenten, der mit ihrer Hilfe ein paar große Fische fangen will. Gut, das Ganze spielt im schönsten 70er-Jahre-Ambiente und beginnt mit Christian Bale, dem die Wampe über die Hose hängt und der sich kompliziert sein Toupet befestigt, aber wäre es bei solchen optischen Scherzen geblieben, hätte „Amercan Hustle“ auf über zwei Stunden Laufzeit eine zähe Nummer werden können. Zum Glück gewinnt die Geschichte irgendwann an Fahrt. Sie nimmt immer neue Wendungen und die Betrügereien werden immer vertrackter, wundervolle Nebenfiguren betreten den Schauplatz, allen voran Jennifer Lawrence als Ehefrau Christian Bales zwischen umwerfender Sexiness, trotteligem Auftreten und psychotischer Unberechenbarkeit (“She was the Picasso of passive-aggressive karate“). Regisseur David O. Russell gelingt es dabei gekonnt, das richtige Maß an Skurrilität und Ernsthaftigkeit zu wahren, eine Qualität die seinen auf die Dauer recht anstrengenden früheren Filmen wie “Flirting With Disaster“ und „I Heart Huckabees“ noch fehlte. So bleibt man als Zuschauer stets gefesselt von der Geschichte und kann sich doch immer mal wieder über kleinere Absurditäten und Überzeichnungen freuen. Und so wollte auch in der letzten halben Stunde das Grinsen gar nicht mehr aus meinem Gesicht weichen. Allerdings empfehle ich, den Film im Original zu sehen. Die deutsche Synchronisation ist zwar nicht schlecht, hinkt aber in Tempo und Treffsicherheit der Wortwahl dem Original mehrfach hinterher. 10 Oscars? Mal schauen, wie viele es am Ende werden. Ein sehenswerter Film ist „American Hustle“ für Freunde gehobener Hollywood-Unterhaltung allemal." (26.2.2014)

Satansbraten
"Ein Künstlerdrama über einen erfolglosen und von Geldsorgen geplagten Dichter; ein Ehedrama; eine Parabel über den Faschismus – das klingt nach deutschem Problemfilm, das klingt nach schwerer Kost. Doch „Satansbraten“ ist in erster Linie gepflegter Irrsinn. Zwar werden all die genannten Themen verhandelt – und mit der Faschismuswarnung meint es Autor und Regisseur Fassbinder wohl auch ganz ernst – doch werden sie dies mit den Mitteln der überdrehten Komödie, der Farce und der Satire. Das funktioniert über weite Strecken auch recht gut. Kurt Raab gibt den unsympathischen Dichter und Herrenmenschen Walter Kranz mit beeindruckender Hingabe und stets aufgedrehtem Lautstärkepegel. Kranz verachtet alles Profane und alle Kleinbürger in seiner Umwelt, ist aber stets darauf aus, an Geld zu kommen, wobei er auch nicht davor zurückschreckt, seinen Eltern den letzten Spargroschen abzuluchsen. Er schreibt nicht, sondern steigert sich in den Wahn, Stefan George zu sein und ganz für die Kunst zu leben. Sein Publikum bezahlt er, die erhabene Aura der Lesungen bei Kerzenschein wird jäh unterbrochen, wenn Mutti das Licht anschaltet und mit den Schnittchen kommt. Fassbinder holt hier zum Rundumschlag gegen ein bürgerliches Kunstverständnis aus, in dem die Kunst erhaben und der Lebensrealität entrückt ist. Die „L’art pour l’art“ wird der Lächerlichkeit preisgegeben, und der Zuschauer hat – bei entsprechender Neigung –  seinen Spaß. Wie viel von Fassbinder selbst in Walter Kranz steckt, ist mir dabei eigentlich egal. Der Film funktioniert auch dann ganz wunderbar, wenn man nichts über Fassbinders Persönlichkeit weiß. Zwar wird der Spaß auf zwei Stunden Laufzeit ausgedehnt bisweilen etwas anstrengend, doch ist der Film mit seinem Ideenreichtum und seiner Radikalität in Zeiten stromlinienförmigen Konsenskinos bis in den Arthouse-Bereich eine brachiale und anarchistische Wohltat.
Abschließend einmal mehr ein großes Lob an das Filmmuseum, das den Film in einer ordentlichen 35mm-Kopie zeigte, so dass man ihn in wohliger Kinoatmosphäre genießen konnte." (12.3.2014)

Love Steak
"Es ist schon eine Ironie, dass das Publikum in „Love Steaks“, den die Kinoillustrierte Cinema als „junges Kino“ und „mitreißende Romanze“, ja sogar als „die Zukunft des deutschen Films“ bezeichnet, bis auf vielleicht zwei Personen aus bildungsbürgerlichen Ü-40ern besteht.  Die örtlichen Studenten hatten sich wohl schon am Abend zuvor in dem sich inhaltlich eher an ein arriviertes Publikum richtenden „Her“ von Spike Jonze verausgabt. Da hätten die Kinogänger vermutlich im Schnitt mehr Spaß gehabt, wenn sie den jeweils anderen Film besucht hätten.
Regisseur Jakob Lass sieht seinen Film jedenfalls als ersten „Fogma“-Film, womit er durchaus ernsthaft auf die dänischen Dogma-Filme Bezug nimmt, deren Credo „kein künstliches Licht, kein Make-Up, authentische Schauplätze“ er übernimmt. Ein echtes Drehbuch gab es nach seiner Aussage wohl auch nicht, und die Nebenrollen sind allesamt mit Laiendarstellern besetzt; Hotelangestellte, die sich selbst spielen. Das „F“ steht laut Lass für Freiheit, Flow und Fuck. Na ja. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der Fogma- wie schon der Dogma-Anspruch nicht zuletzt auch ein geschickter Marketing-Schachzug für Filme mit extrem kleinem Budget ist. Nur eben auf Deutsch, jung und very Berlin.
Das soll niemanden abschrecken, denn je länger der Film dauerte, desto mehr wurde ich in seinen Sog gezogen. Die Liebesgeschichte zwischen dem schüchternen Physiotherapeuten Clemens und der aufsässigen Kochazubine Lara funktioniert nicht nur als romantischen Komödie der besonderen Art, sondern ist zugleich auch realistisches Alkoholikerdrama und zwischen den Zeilen ein Blick auf  Kommunikations- und Hierarchiestrukturen der heutigen Arbeitswelt. Dies alles entfaltet sich nach und nach und erfordert, dass man sich auf Schnitte einlässt, die andernorts als Anschlussfehler gelten würden, dass man hinnimmt, dass einzelne Sätze der Darsteller auch mal vernuschelt werden und, was für mich am schwersten war, die Eitelkeiten des Jung-Regisseurs schluckt. Denn bei aller angeblichen Authentizität gibt es genug artifizielle Mätzchen, die den Gestaltungswillen einer Hand im Hintergrund erkennbar machen. Kurze Soundtrackeinspieler, die Emotionen erzeugen oder untermalen sollen; häufige Schnitte, die Szenen zum Zweck der Dramaturgie straffen - an sich alles Dinge, die der Authentizitätsidee des Films widersprechen. Andererseits ist die Mischung aus Humor und Ernsthaftigkeit, Ironie und Beklemmung so gelungen und Lana Cooper und Franz Rogowski als Lara und Clemens so glaubhaft und liebenswert, dass man das alles vergessen und den Film einfach nur lieb haben kann. Man muss ja nicht immer gleich Sensationen wittern und zum Superlativ greifen. Man kann den Film einfach nur gut finden und hoffen, dass Jakob Lass nicht zum neuen Lars von Trier wird. Und außerdem sollte man nie vergessen: der Fuchs schläft nicht, er schlummert nur." (1.4.2014)


Non-Stop
"Ein Film getreu dem Motto der Videofreunde: Video rein - Alltag raus. Nur eben im Kino. Liam Neeson spielt einen vom Leben gebeutelten Air-Marshall, der auf einem Transatlantikflug mysteriöse Textnachrichten erhält, in denen ein Unbekannter 150 Millionen Dollar fordert, da er ansonsten alle 20 Minuten eine Person im Flugzeug umbringen wird. Tatsächlich gibt es am Ende der ersten Frist einen Toten, und irgendwie sind alle verdächtig, inklusive Neeson selbst. „Non-Stop“ ist bestes Spannungskino. Das Tempo ist hoch, die klaustrophobische Enge des Raumes und die Anspannung von Air-Marshall und Bordpersonal übertragen sich auf den Zuschauer. Action gibt es auch, aber nicht in dem Maße, wie man in all den Berichten zu dem Film lesen kann, und das ist auch gut so, denn über einen langen Zeitraum bezieht der Film seine Spannung nicht aus Faustkampf und Ballerei, sondern in erster Linie aus der Story und dem exzellenten Spiel der Akteure, bei denen man nie weiß, ob ihnen zu trauen ist oder nicht. Julianne Moore als undurchsichtige Sitznachbarin des Marshalls ist einmal mehr fantastisch, Michelle Dockery (bekannt als Mary Crawley aus Downton Abbey) hat als Flugbegleiterin einen erfreulich großen Part und füllt ihn mit gewohnt nuanciertem Spiel, und Liam Neeson spielt eben die Rolle, die in „Taken“ und „Unknown Identity“ auch schon ganz wunderbar funktioniert hat. Dass die Auflösung letztlich nur enttäuschen kann, war anzunehmen. Je größer das Rätsel, desto größer die Erwartungen und desto schwieriger ein befriedigender Schluss. Egal, am Ende knallt es ordentlich und das kleine Mädchen stirbt nicht – das ist überraschungsfrei, aber auch nicht schlimm, denn zuvor wurde man 90 Minuten lang bestens unterhalten." (9.4.2014)

Die zwei Gesichter des Januar
"Gepflegtes Spannungskino bietet das Regie-Debüt des „Drive“-Autors Hossein Amini. Wer genauer hinschaut, bekommt zudem ein Charakterdrama um zwei nur scheinbar unterschiedliche Männer geboten. Dies deutet der Titel schon an, denn immerhin hat der Monat Januar seinen Namen vom zweigesichtigen Janus aus der griechischen Mythologie, und die von Oscar Isaac und Viggo Mortensen grandios verkörperten Figuren, deren Schicksal durch einen dummen Zufall und durch die Liebe zu derselben Frau aneinander gekettet wird, machen den Film erst so richtig interessant. Wem das zu anstrengend ist, der kann sich an den exzellenten Schauplätzen des Films, Griechenland, Kreta und Istanbul, und das alles auch noch im stimmigen Retrolook des Jahres 1962, erfreuen. Ein mit Sorgfalt gemachter, unaufgeregter Film mit einem intelligenten Drehbuch, der es zwar nicht, wie einem die Werbung weismachen will, mit dem ebenfalls auf Patricia Highsmith zurückgehenden „talentierten Mr. Ripley“ aufnehmen kann, der aus der momentanen Flut knalliger, aber sinnentleerter Hollywoodfilme jedoch angenehm heraussticht." (4.6.2014)

Sinnentleerte Hollywoodfilme? Irgendwie unfair, wenn ich jetzt so sehe, wie stark mein Filmjahr 2014 von US-Produktionen dominiert wurde. Und zwei kommen noch:
Nightcrawler, ein fieser Film, in dem ein gespenstischer Jake Gyllenhaal seinen American Dream verfolgt, erfolgreicher Sensationsreporter zu werden. Ein bittere Gesellschafts- und Mediensatire, in der Gyllenhaals emotionslose, ja fast schon autistisch wirkende Figur, die Verlogenheit einer auf Informationsfreiheit pochenden, aber nur Kohle und Karriere im Sinn habenden Journalistengattung entlarvt. Dass dies nicht mit erhobenen Zeigefinger, sondern mit Satire und Sarkasmus passiert, macht den Film umso nachhaltiger. 

Ich kann aber auch anders. Clint Eastwoods Musical-Verfilnung Jersey Boys gut finden zum Beispiel kann ich auch. Schnörkelloses Hollywoodkino zum Eintauchen und gut finden, an das ich völlig unvorbelastet von Story, Musik und Musicalvorlage geriet und das mir zwei Stunden unbeschwerte Kinounterhaltung bescherte. Punkt.

Unbeschwert lustig fand ich auch die deutsche Komödie Wir sind die Neuen und den französischen Erfolgsfilm M. Claude und seine Töchter. "Klischee", "vorhersehbar", "Probleme herunterspielend" - jaja, meinetwegen. Ich hatte meinen Spaß.

Wie übrigens auch in Die Zeit der Kannibalen, der nun wieder offensichtlicher meinem "Beuteschema" entsprach: neurotische Finazhaie, die in der Abgeschiedenheit ihrer Luxushotels plötzlich erleben müssen, wie die Einschläge näher kommen - das ist doch genau mein Ding. Erfreulich bösartig, erfreulich konsequent am Ende und in den beiden männlichen Hauptrollen wunderbar überzogen gespielt (endlich mal wieder eine schöne Rolle für den großen Devid Striesow). Ein zugegebenermaßen sehr deutscher Film, aber ich habe ja an sich nichts gegen deutsches Kino, solange ich von den Schweigers und Didi Hallervorden verschont bleibe.


Und wer die Kapitalismuskritik aus einem anderen Blickwinkel haben will, dem empfehle ich abschließend den Dokumentarfilm Frohes Schaffen, der fundiert, plausibel und unterhaltsam nachweist, dass sich harte Arbeit nicht unbedingt lohnt und der protestantische Arbeitsethos doch ein großer Mumpitz ist.
Wie wahr.
Und wie es eigentlich auf dem Fantasy Filmfest 2014 war, erzähle ich dann demnächst mal, wenn mich der Schaffensdrang wieder überkommt. Kann also dauern.