Delphic sind Meister der Setlist. Wie sonst ist es zu
erklären, dass mich ihr Konzert an diesem Mittwochabend im Frankfurter
Nachtleben in solches Entzücken versetzt, nachdem in den zwei Wochen zuvor kein
Tag verging, an dem ich nicht den Kauf dieser Konzertkarte bereut hatte? Blind
und voller Vertrauen in das Schaffen dieser jungen Herren hatte ich
zugeschlagen, erst dann habe ich mich mit ihren neuen Stücken beschäftigt. Ein
Fehler, denn selten hat eine vielversprechende Band ein zweites Album so dermaßen
vergeigt wie Delphic. Nach dem meisterhaften Debüt „Acolyte“ aus dem Jahr 2010,
das alternativen Dancefloor geschickt mit Indiegitarren mischt, Hit an Hit
reiht, wie aus einem Guss klingt und nachhaltige Euphorie erzeugt, ist der
Nachfolger „Collections“, nomen es omen, eine eklektische Ansammlung von Popsongs.
Überflüssige Popsongs. Unter diesen erinnert allein die Single „Baiya“ an den
Glanz früherer Tage, und selbst hier wurde ordentlich Popweichspüler über den
Song gekippt, auf dass er im Formatradio Platz finde. Ansonsten blieb mir von
„Collections“ vor allem eine Stelle mit üblem Gerappe und eine Assoziation mit
dem indiskutablen Spät-80er-Teenie-Phänomen BVSMP im Kopf.
Auch die Voraussetzungen im Frankfurter Nachtleben sind an
diesem Abend nicht die besten. Das Newcastle Brown Ale, auf das ich mich zum
Trost schon den ganzen Nachmittag lang gefreut hatte, ist von der Karte
verschwunden. Stattdessen gibt es Warsteiner und einen deutschen Support Act.
Julius Gale ist ein höflicher, junger Mann, der live zu dünn klingender
Konservenmusik aus seinem Laptop singt. Eine Anti-Stimmungskanone, dessen
Hauptähnlichkeit zu Delphic in einer Vorliebe für elektronische Klänge sowie
einer stylish homosexuellen Optik liegt. So ist die Stimmung um kurz nach 22 Uhr,
als die britischen Hipster endlich die Bühne betreten, im Saal verhalten und
bei mir am Gefrierpunkt.
Und dann geht’s los. Zunächst bekommt man gleich mal „Baiya“
um die Ohren gehauen, das ohne Unterbrechung in den Überhit „Halcyon“ übergeht.
Volltreffer. Das Konzept von 2010, die Songs gleichsam zu einem DJ-Set
verschmelzen zu lassen wurde offenbar nicht aufgegeben. Ein erstes Aufatmen.
Auch die Indiegitarre kommt in „Halcyon“ zum Einsatz, und die Musik ist voll,
flächig und wunderbar laut. Nein, ein leibhaftiger Drummer ist durch
nichts zu ersetzen. Ob so ein umgreifender Hallensound in die
Wohnzimmeratmosphäre des Nachtleben passt, sei dahingestellt. Besorgte
Jugendliche greifen jedenfalls zum Ohrenschutz, wohl dem, der nichts zu
verlieren hat und sich in vollem Umfang auf die Reise mitnehmen lassen kann.
Denn die Überwältigungstaktik geht auf. Nach drei Songs in Folge eine kurze
Begrüßung, dann wird die Ravemaschine sofort wieder angeworfen. Die Mischung
ist geschickt. Die nichtssagenden neuen Songs sind showtauglich aufgepumpt,
bereits zur Hälfte hat man sie praktisch überstanden und Delphic besinnen sich
auf das fantastische Material der ersten Platte. Mit dem Dreiergespann „Red Lights“,
„This Momentary“ und „Doubt“ erreicht das Konzert seinen Höhepunkt. High
Energy, die nie zum dumpfen Technorave wird. Immer wieder schimmert der
Indiehintergrund durch, immer wieder zeigt sich die Verspieltheit der Elektroniktüftler,
nie wird der Wille zur Party aufgegeben. Die perfekte Mischung. Für mich
zumindest. Sogar das neue Lied, mit dem man den Set beendet, gefällt mir plötzlich.
Vielleicht muss ich das Album doch noch mal hören? Nö, eher nicht, denn im
Zugabenteil gibt es noch „Counterpoint“ und das quasiinstrumentale „Acolyte“,
beides Songs von der ersten Platte, beides Songs, bei denen die gute Stimmung
noch einmal zum euphorischen Hochgefühl wird. Noch muss ich Delphic also nicht
aufgeben. Ein gutes Gefühl.
Der eine Überhit. Besonders wenn bei 2:51 min. die Gitarre einsetzt.
Was gibt es schöneres als einen gepflegten Verriss? Einen
schönen Film natürlich. Aber wo Licht ist, ist auch Schatten, und nachdem ich
gestern ausführlich gelobt habe, muss ich heute mal ein wenig meckern. Hier
sind sie also, die auf hohem Niveau Gescheiterten, die überschätzten Hypes und
die absoluten Gurken.
Beginnen wir mit dem Ärgernis des Jahres: Beasts of the Southern Wild. Diesen gab
es bereits, geschäftig angepriesen, auf dem Fantasy Filmfest. Mich schreckte
schon der Trailer ab: Kinder, die Lebensweisheiten von sich geben; edle, arme
Menschen, die sich gegen das System stemmen; allegorische Fabeltiere, die
irgendwas bedeuten sollen. Das sah nach abgeschmacktem Arthouse-Käse für
schlichte Gemüter aus und war es dann auch. Das süße Jüngelchen sprach während
des ganzen Filmes gefühlt keinen normalen Satz, sondern reihte einen
Kalenderspruch an den anderen, die edlen, armen Menschen waren mir durch die
Bank unsympathisch und wofür die Auerochsen stehen sollten, habe ich nicht
begriffen, was aber meinem stetig steigenden Desinteresse an diesem Film
geschuldet sein kann. Schwamm drüber, könnte man sagen, solche
Wichtigtuerfilmchen gibt es ja immer wieder. Erschreckend ist jedoch die große
Anzahl geschmackssicherer und filmerfahrener Menschen, die dieser
Schmuddelversion des Kleinen Prinzen auf den Leim gehen. Dieser Tage trifft der
Film mit großem Brimborium und Kritikerlob im deutschen Kino ein. Ich kann nur
warnen, wünsche allen Unbelehrbaren aber viel Spaß und freue mich über jeden
Verteidiger dieser Schmonzette, der mich eines Besseren belehrt.
Ähnlich geärgert hat mich das Starvehikel Die eiserne Lady, zu dem ich Folgendes
schrieb:
„Das passiert, wenn man Politik und Privates mischt. Meryl
Streep gewinnt den Oscar (zurecht) und Maggie Thatcher wird in den Köpfen der
Leute zu einer bedauernswerten alten Dame, die den Tod ihres Gatten nicht
verwinden kann. Als Hollywood-Melodram über Verlust, Trauer und Altern
sicherlich akzeptabel, nur leider ist da noch Thatchers politische Karriere,
die der Film trotz seines ausgeprägten Interesses am Privaten ebenfalls
nachzeichnen will. Das tut er allenfalls schlaglichtartig, und wenn die
Krawalle, die die Politik der "Iron Lady" in den 80er-Jahren
ausgelöst haben, als flotte Videoclips mit fetziger Punkmusik unterlegt gezeigt
werden, dann zeigt sich, dass der Film eine intellektuelle Luftnummer ist.
Powered by emotion - und ohne größeren Erkenntnisgewinn.“
Auch im deutschen Kino gab es im Jahr 2012 Luftnummern.
Allen voran Die Unsichtbare, ein
eitles Schauspielerdrama, das die Eitelkeit des eigenen Gewerbes kritisiert.
Klischeehafte Figuren und nerviges Overacting, allen voran der penetrante
Ulrich Noehten als egomaner Regisseur, geben dem Film den Rest. Wie Black Swan
ohne Tanzen, Spannung und Natalie Portman. Wer will so was sehen?
So weit zum Arthouse. Doch halt. Da war ja noch We Need To Talk About Kevin, der Film
über den bösen Kevin, der am Ende seine Mitschüler – und nicht nur diese –
tötet. Ein Film, der mich ratlos zurückließ und, anders als vom sympathischen
Kinochef des Hafen 2 angekündigt, so gar nicht berührte. Wenn die Macher des
Films mahnen und warnen wollten, dann sind sie gescheitert. Kevin ist zu
dämonisch, zu offensichtlich fies und schlecht, er ist nicht der unscheinbare
Typ, der durchdreht, sondern das böse Kind, das es in der Filmgeschichte nicht
zum ersten Mal gibt. Wenn die Macher des Films das Psychogramm einer von
Schuldgefühlen geplagten Mutter zeichnen wollten, waren sie schon
erfolgreicher, denn Tilda Swinton ist fesselnd und überzeugend in
dieser Rolle. Doch dem Charakterdrama steht erneut der überzeichnete Bösewicht
im Weg, der einen ähnlich unterhält wie Iago in Shakespeares Othello oder Earl
Pastko als selbsternannter Satan in Bruce McDonalds Highway 61. Es ist daher an
sich nur folgerichtig, dass der Film in Deutschland zunächst auf dem Fantasy
Filmfest lief. Hier passt er gut hin, denn er ist unterhaltsam und spannend –
nur dass das bei der gewählten Thematik ein zweifelhaftes Kompliment ist.
Ein lupenreiner Genrefilm ist hingegen Headhunters, auf den ich mich nach Trailer und Ankündigung zunächst
gefreut hatte:
„Der neue Stieg Larsson ist da. Ja, iss klar. Genau wie John
Alvijde Lindqvist Schwedenkrimis schreibt. Aber man muss das Zeug ja irgendwie
vermarkten.
Headhunters hat jedenfalls nichts von den düsteren,
komplexen, letztlich aber doch geschlossenen Plots Stieg Larssons. Der Film
beginnt wie eine Mischung aus American Psycho und elegantem Kunsträuber-Krimi,
entwickelt sich aber bald zu einer völlig überzogenen Hetzjagd, in der ein
böser Gangster einen an sich gar nicht so üblen Gangster jagt. Könnte gut sein, hätte man das nicht alljährlich in einem französischen Beitrag zum Fantasy Filmfest schon
mal besser gesehen. Und wäre da nicht der seltsame Humor, der die Hauptfigur
komplett in Scheiße tauchen lässt oder zwei dicke Zwillinge als
Streifenpolizisten zeigt. Oder die Splattereffekte, die schon mal ein vom
Aufprall auf einen Felsbrocken zerschmettertes Gesicht in Nahaufnahme zeigen.
Würg. Man wird den Eindruck nicht los, als hätte man es bei diesem Film einfach
mit einem Produkt zu tun, bei dem versucht wurde, es allen möglichen Zielgruppen rechtzumachen
und das dabei noch wild und hip sein will. Ich kann nur abwinken.“
Aber es geht ja noch schlimmer. Der absolute Tiefpunkt des
Jahres kam aus Deutschland und hieß Das
Kind:
"Wo soll ich anfangen? Vielleicht mit dem Fazit: „Das Kind“
ist mit Abstand der schlechteste Film, den ich in diesem Jahr im Kino gesehen
habe. Nein, ich habe nichts gegen B-Movies, im Gegenteil. Ja, ich kann auch
noch der 100. Psychothriller-Variante etwas abgewinnen, wenn Atmosphäre,
Schauspieler und Handlungsfluss stimmen. In „Das Kind“ stimmt aber leider gar
nichts.
Man sollte natürlich schon misstrauisch werden, wenn
Deutsche mal wieder auf Hollywood machen und einem abgehalfterten US-Schauspieler
aus der dritten Reihe wie Eric Roberts eine Hauptrolle geben. Aber hatte ich
nicht den Roman „Das Kind“ von Sebastian Fitzek in diversen Buchhandlungen und
auf verschiedenen Bestsellerlisten gesehen? Können sich all diese Leser irren?
Ja, können sie. Die Geschichte, die Fitzek erzählt, ist ein modisches
Sammelsurium aus altbekannten Versatzstücken und abgedroschenen
Psychothriller-Klischees, ein reines Recycling-Unternehmen ohne jegliche
gedankliche Eigenleistung. Der Film ist die kongeniale Umsetzung. Da wird ein
Schauplatzrecycling von „Sieben“ bis „Saw“ betrieben, nur eben alles eine Spur
billiger. Atmosphäre gleich null, Spannung stellt sich an keiner Stelle ein.
Dazu kommt ein Drehbuch, das eine Beleidigung für jeden Zuschauer ist. Klaffende
Logiklöcher, dass einem die Spucke wegbleibt; Anschlussfehler noch und noch;
ungelenkes Erzählen wie in einem schlechten Derrick; überflüssige Rückblenden
für die ganz Doofen; und schließlich Dialoge, die einem körperliche Schmerzen
bereiten, so klischeehaft und, ja man kann es nicht anders sagen, dumm sind
sie. Klingt nach exzellentem Trash? Leider nein. Hier gibt es kein ironisches
Augenzwinkern, das ist ernst gemeint. Selbst die Besetzung von Dieter
Hallervorden als Kinderschänder. Dass Dieter unsx dennoch einmal mehr den Didi macht,
war zu befürchten, aber er ist nur das Sahnehäubchen in einer Riege hölzerner
und blasser Knallchargen, die den Film endgültig an die Wand fahren. Eric
Roberts ist in seiner Rolle schlichtweg überfordert und unglaubwürdig, die Dame
an seiner Seite habe ich schon wieder vergessen. Ben Becker spielt auf
Autopilot, Dieter Landuris ebenfalls. Daniela Ziegler hingegen gibt alles, nur
dass das nicht besonders viel ist und man ahnt, warum sie ansonsten eher in
Inga-Lindström-Filmen am Sonntagabend im ZDF auftaucht.
Nein, es tut mir leid, es gibt an diesem Film nichts
Positives. Nichts. Außer vielleicht, dass er einem über knapp zwei Stunden vor
Augen führt, was der Unterschied zwischen einem Trashfilm und Müll ist."
Weder Trash noch Müll sind die Filme, auf die ich abschließend einen kleinen Blick werfen will. Es sind die Filme, von denen ich mir viel erwartet hatte, und die mich dann letztlich enttäuscht haben.
Paranorman etwa,
der als liebevolle und ideenreiche Hommage an den klassischen Horrorfilm
beginnt, sich dann aber recht bald in der üblichen kindertauglichen Animationsfilmgeschichte
von wahrer Freundschaft, Toleranz und Blablah verliert und dem genreaffinen
Zuschauer kaum noch etwas zu bieten hat.
Oder Skyfall, der
neue James Bond, der es auch in die Bestenliste hätte schaffen können, wenn er
einfach auf seinen Showdown in Schottland verzichtet hätte, der nicht nur
inszenatorisch lahm und wenig spannend ist, sondern auch all die zuvor gestellten
Fragen nach dem Altern des Agenten und dem Sinn von Geheimdiensten in einer
unübersichtlichen, globalisierten Welt über den Haufen wirft.
Was mir die wunderbaren Bilder des Naturfilms Das grüne Wunderverdorben hat, schilderte
ich ja bereits hier, und so bleibt mir zuletzt ein Kommentar zu Take Shelter, dem Film, an dem ich gescheitert bin:
„Ich weiß nicht so recht, was ich von Jeff Nichols'
hochgelobtem Paranoia-Film halten soll. Wunderbar funktioniert der Film als
Psychogramm eines Mannes mit apokalyptischen Visionen. Michael Shannon ist in
dieser Rolle beeindruckend und stets glaubhaft. Schwerer einzuordnen sind für
mich die symbolischen und biblischen Verweise, durch die der Film in
verschiedenen Kritiken als Kommentar zum Isolationismus der USA oder zu einer
bevorstehenden Klimakatastrophe gedeutet wurde. Wer damit anfängt, wird gerade
im letzten Drittel in Interpretationsnöte kommt. Wer nicht philosophisch
deutelt, dem könnten die zwei Stunden Laufzeit irgendwann etwas lang werden.
Denn zwar spielt der Film mit den Genreerwartungen des Psychothrillers und des
Katastrophenfilms, doch nur um sie fast immer zu unterlaufen. Klare Warnung
also für alle "Twister"- und "Psycho"-Freunde, vorsichtige
Empfehlung für fortgeschrittene Kinogänger, die Lust auf Außergewöhnliches
haben.“
„Ein ganz großartiger Film, wenn man in den 80ern Miami Vice
mochte. Kühle, stilisierte Ästhetik; ein großartiger Elektro-Soundtrack; eine
Geschichte, die nicht gut enden kann. Actionfans mag es zu wenig krachen und
Arthousefreunde dürften sich an ein paar zünftigen Gewaltausbrüchen in der
zweiten Hälfte stören. Wer aber Genrefilme mit Tiefgang schätzt und Spaß daran
hat, Referenzen zu entziffern, kann hier kaum etwas falsch machen.“
Ein Konsensfilm für Geschmackssichere. Und falls noch Zweifel bestehen:
Der zweite Konsensfilm, um den ich nicht herumkomme, ist
natürlich der allseits beliebte Ziemlich
beste Freunde. Zwar melden sich inzwischen die Nörgler zu Wort, aber das
sind m. E. nur Fundamentaloppositionelle, die wahrgenommen werden wollen, oder
Leute mit Stock im Arsch wie Antje Wessels von buy-a-movie.de. Denn kaum ein
Film hat mir im Jahr 2012 solchen Spaß gemacht wie dieser.
Fraktus natürlich
noch. Die Fake-Doku über die deutschen Elektropioniere ist eine
wunderbare Spielwiese für die drei Herren vom Studio Braun. Insofern ein
deutsches „Spinal Tap“ mit gepflegtem Wahnsinn als Bonus, etwa wenn Dönerspieße
zur Waffe werden, ein unbedarfter Kameramann versucht, Instrumente aus
einer Garage zu stehlen oder Bernd Wand Verdacht auf Kongozunge bei sich selbst diagnostiziert:
Überhaupt war der deutsche Film 2012 wieder einmal
wesentlich besser als sein Ruf.
Erster Höhepunkt: Christian Petzolds neuer Film Barbara, zu dem ich festhielt:
„Christian Petzolds Filme wirken immer etwas spröde. Es wird
meist wenig gesprochen, lange, ruhige Einstellungen dominieren und die
Filmmusik beschränkt sich auf einzelne, handlungsrelevante Stücke. Sein neuer
Film "Barbara" macht da keine Ausnahme, doch tragen all die genannten
Elemente hervorragend dazu bei, die beklemmende Atmosphäre des Misstrauens
darzustellen, das die Titelfigur Barbara im Jahr 1980 in der DDR nach ihrer
Strafversetzung in die Provinz empfindet. Petzolds Film zeigt, wie ein Staat
durch seine Bespitzelungspraktik Einfluss auf das Privatleben seiner Bürger
nimmt und normale menschliche Bindungen erschwert oder gar verhindert. Er tut
dies differenziert und fair und hebt sich damit wohltuend vom inzwischen
etablierten DDR-Bild aus Club-Kola, Platte und Stasi-Knast ab. Mit Nina Hoss
hat er zudem eine exzellente Hauptdarstellerin gefunden, die auch ohne Worte
ganz viel ausdrücken kann.“
Und Monate später sehe ich Nina Hoss immer noch auf dem Fahrrad
gegen den Wind auf den Dünen ankämpfen. Nachhaltige Bilder, intensives Erzählen
– wobei ich mich davor hüte, Christian Petzolds Filme zu empfehlen, denn damit bin ich bisher noch nie erfolgreich gewesen.
Ebenfalls nicht empfehlen werde ich vor diesem Hintergrund Die Wand. Martina Gedeck findet sich
plötzlich allein und isoliert auf einer Berghütte wieder, die von einer
unsichtbaren Mauer umgeben zu sein scheint. Beklemmende Bilder, Anklänge ans
Horrorgenre und die Frühromantik, eine Studie über Einsamkeit und Isolation,
ein spannender Film über das Überleben, garniert mit einer fantastischen
schauspielerischen Leitung und atemberaubenden Aufnahmen von Bergpanoramen. Insgesamt
dann auch noch erfreulich uneindeutig und doch dramaturgisch stimmig und straff
erzählt; ja, jetzt, wo ich das so schreibe, wackelt fast der Spitzenplatz von
Drive, so gut fand ich diesen Film.
Eindeutiger ging es in Andreas DresensHalt auf freier Streckezu, einem ehrlichen, erschütternden und nie
melodramatischen Film über das Sterben. Der klassische Kinotipp der
katholischen Filmkritik, und das meine ich uneingeschränkt positiv.
Und schließlich bescherte mir der deutsche Film auf den letzten Metern des Jahres
noch Oh Boy, diesen liebenswerten,
kleinen Berliner Slackerfilm mit Tom Schilling, der so unaufdringlich daherkommt
und eine grandiose Sketchsituation an die nächste reiht. Kaffeekauf,
Idiotentest und Besuch vom neuen Nachbarn – der Wahnsinn ist ein alltäglicher;
stets aus dem Leben gegriffen und dann hübsch überspitzt, oft auf dem schmalen Grat
zwischen Beklemmung und Amüsement und dabei immer trittsicher. Der Film mit dem
höchsten Sympathiefaktor des Jahres, bei dem man sich auch ohne Bedenken den Trailer schauen kann, ohne dann schon alle Gags zu kennen.
Außerdem möchte ich noch eine Lanze für einen deutschen
Genrefilm brechen. Du hast es versprochen
ist keinesfalls weltbewegend oder bahnbrechend, aber ein kleiner,
gelungener Mysterythriller mit guter Geschichte und stimmungsvollen Bildern,
bei dem sich das ein oder andere Mal sogar eine wohlige Gänsehaut einstellt.
Warum ich den Film in solch illustrer Gesellschaft erwähne? Weil ich
Regisseurin Alex Schmidt dafür dankbar bin, dass sie es geschafft hat, einen
ordentlichen deutschen Genrefilm zu drehen.
Die echten Höhepunkte des Genrekinos gab es allerdings einmal
mehr auf dem Fantasy Filmfest.
Ole Bornedal lieferte mit The Possession perfekten Exorzismushorror, der schmutzige, kleine 13 Eerie bot angenehm unschönen Zombiesplatter
mit einigen Verneigungen vor Lucio Fulci und Konsorten, und der später katastrophal
vermarktete The Hidden Face / Das
verborgene Gesichtwar sicherlich der durchdachteste Mysterythriller des
Jahres. Mit A Gang Storygab es ein
wunderbares französisches Gangsterepos mit dem beeindruckend wandelbaren Gérard
Lanvin und Ace Attorneyräumte
gleich mit zwei Vorurteilen auf, nämlich a) dass man aus einem Videospiel
keinen guten Film machen kann und b) asiatischer Humor für Westeuropäer
unverständlich ist. Wenn jeder Freispruch mit einem Konfettiregen gefeiert
wird, dann ist das einfach verdammt witzig.
Absolute Höhepunkte des filmischen Wanderzirkus waren dieses
Jahr jedoch God Bless America, ein
Film, der in erster Linie ein schwarzhumoriges, gesellschaftskritisches Traktat
darstellt, das wohl vielen aus der Seele sprach, und Detention, ein intelligenter, schneller, greller, mitunter kreischiger
und streckenweise extrem witziger Film, dessen Ideenreichtum erfreulich selten
ermüdet und der seine nicht minder kritische Einstellung bei aller visueller
Aufdringlichkeit erstaunlich dezent und geschickt verpackt. Übertroffen wurden
diese beiden lediglich noch von Sightseers,
dem neuen Film des Wunderknaben Ben Wheatley, der mich letztes Jahr mit dem
Genrebastard Kill List begeisterte. Sightseers in ein Roadtrip durch das ländliche
England, das wie eine nerdige Liebeskomödie beginnt und sich zu einer Reise mit
Serienmördern entwickelt. Komik, zwischenmenschliche Abgründe und Gewalt so
gekonnt auszubalancieren gelingt meiner Meinung nach nur in britischen Filmen.
Anders als in God Bless America, in dem die Feindbilder klarer sind und die
Gewalt stilisierter ist, führt Sightseers seine Zuschauer mehr als einmal auf
das dünne Eis der Komplizenschaft. Hat man sich eben noch darüber gefreut, dass
der Öko-Nazi vom National Trust von unserem Antihelden ordentlich Gegenwind
bekommt, ist man schon im nächsten Moment beschämt, wenn der Unsympath äußerst
gewalttätig um‘s Leben gebracht wird. Hier wird der Zuschauer herausgefordert,
hier wird Kino interessant.
Objektiv weit weniger gelungen, aber subjektiv ein reines
Vergnügen waren für mich Sinister
und Chernobyl Diaries. Sinister ist
eine perfekte Geisterbahnfahrt, Dämonengrusel in Reinform, der keinen Effekt
auslässt und damit perfekt unterhält. Ich sah den Film an einem Samstagabend
inmitten kreischender irischer Teenager, was den erwünschten Effekt noch
verstärkte. Perfekt für Fans. Zu Chernobyl Diaries zitiere ich mich noch
einmal selbst:
„Ein Film aus der Abteilung "guilty pleasures".
Natürlich ist es geschmacklos einen Horrorfilm, der reines Popcorn-Kino ist, in
Tschernobyl anzusiedeln. Klar sind die Charaktere - selbst für
Horrorfilmstandards - extrem eindimensional. Zweifelsohne ist Handlungslogik
nicht gerade die Stärke des Films. Aber mal ehrlich: spielt das alles eine
Rolle? "Chernobyl Diaries" punktet mit Spannung und Atmosphäre.
Gedreht wurde, wie man dem Abspann entnehmen kann, in Serbien und Ungarn, und insofern
ziehe ich meinen Hut vor Location-Scouts und den Ausstattern, denn der Film
wirkt nie, als sei man in einem Studio, sondern zieht einen gerade durch das
authentisch anmutende Setting in seinen Bann. Verfallende Plattenbauten sorgen
schon lange vor Beginn des eigentlichen Horrors für Grusel. Überhaupt setzt der
Film eher auf klassische Erschreckmomente als auf blutige Details, was ich in
Zeiten, in denen selbst Durchschnittsfilmchen wie „Turistas“ eine minutenlange
Amputation zeigen müssen, als sehr wohltuend empfinde. Perfektes Popcornkino also, die nur durch das Dauergeplapper, Handygechecke und
Rumlatschen einiger aufgekratzter Jugendlicher gestört wurde. Doch spricht die erkennbare Nervosität dieser jungen Menschen für die Qualität des
Films. Insofern eine klare Empfehlung für Genrefreunde.“
Nach soviel Schrecken muss ich jetzt aber endlich einmal
einen familienfreundlichen Film lobend erwähnen:
„Ach, was für ein Spaß! Piraten – ein Haufen merkwürdiger Typen ist ein Animationsfilm der
britischen Aardman Studios, jener Produktionsfirma, die uns Wallace &
Gromit beschert hat. Das ist schon mal eine Ästhetik, mit der ich mehr anfangen
kann, als mit der quietschbunten Computerkünstlichkeit der Marktführer im
Animationsbereich. Dazu kommt der britische Humor, der sich auch in „Piraten“
finden lässt, zusätzlich zu einer kaum überblickbaren Fülle von Anspielungen
auf britische Geschichte, Literatur und Lebensart. Die Story ist hübsch schräg
und mischt fiktive Piraten mit historischen Personen wie Charles Darwin und
Königin Viktoria. Letztere ist die eigentliche Schurkin des Films und in
allerlei Action verwickelt, was vielleicht den kreativen Wahnsinn der Handlung
andeutet. Natürlich ist auch dieser Animationsfilm kindgerecht. Die Botschaft,
dass Ehrlichkeit am längsten währt und nur wahre Freundschaft zählt, findet
sich auch hier. Und auch die unvermeidliche übertriebene Hektik und Action
zeitgenössischer Animationsfilme muss man phasenweise über sich ergehen lassen.
Aber mitgeschleifte Eltern, die andere Ansprüche an Kinofilme stellen als ihre
Sprösslinge, werden hier besser bedient als etwa in flauen und dennoch wohl
recht erfolgreichen Filmen wie „Kung Fu Panda 2“ oder dem Shrek-Spin-Off „Puss
in Boots“. Denn bei allem Tempo gibt es in „Piraten“ eine große Liebe zum
Detail bis ins einzelne Bild. Selten habe ich mir so oft gewünscht, den Film
einmal kurz anhalten zu können, um alle versteckten Scherze im Hintergrund
aufzusaugen. Dankenswerterweise tauchen viele davon im Abspann noch einmal auf,
so dass man einen zweiten Blick auf sie werfen kann. Der perfekte Ferienfilm
für einen verregneten Sommernachmittag.“
Ähnlich familienfreundlich ist in gewisser Weise Tim Burtons
neuster Geniestreich, Dark Shadows,
ein Film, der weder von der Kritik noch vom Publikum sonderlich beachtet oder
geschätzt wurde. Ich hingegen vergab leichtfertig 10 Punkte:
„Ich kann nicht sagen, ob Dark Shadows wirklich ein guter
Film ist. Tim Burton; Johnny Depp; Michelle Pfeiffer; ein Vampir aus dem 18.
Jahrhhundert, den es in die 1970er verschlägt – da setzt bei mir die Objektivität aus. Ich kann
nur sagen, dass ich mich über die gesamte Laufzeit des Films großartig
unterhalten habe. Das gelungene Set- und Productiondesign, Johnny Depps
exzentrisches, aber nie überzogenes Spiel, die Anspielungen auf alle möglichen
Gruselfilmklischees, die hervorragend ausgewählten 70er-Songs, das ausgewogene
Maß an Grusel und Komödie. Fantastisch. Gerade letztgenannte Mischung wird dem
Film aber an der Kinokasse vermutlich das Genick brechen, denn Burton scheint
die (mir unbekannte) Fernsehserie, die die Vorlage für seinen Film darstellt,
so sehr zu schätzen, dass er sie nie der Lächerlichkeit preisgibt und damit
auch nie ihr – oft unfreiwillig – komisches Potential ausschöpft. Seine Fans
macht er auf diese Weise allerdings glücklich: „Noch mal bitte“, sagt eine junge Dame in der Reihe vor mir mit
seligem Lächeln im Gesicht zu ihrer Begleiterin, nachdem der Abspann zu Ende
ist. Das bringt es auf den Punkt.“
Und einen weiteren Film, der ansonsten eher verhalten
aufgenommen wurde (zu schwerfällig, zu düster, zu pathetisch, zu
selbstverliebt), möchte ich an dieser Stelle noch in höchsten Tönen loben: The Dark Knight Rises. Für mich hat der Abschluss von Christopher Nolans Batman-Trilogie
von vorne bis hinten Sinn ergeben.Die Mischung aus Handlung und Action hat
gestimmt, es gab massig Schauspieler, die ich gerne sehe, der Film war
spannend, düster (= positiv) und führte alle losen Enden der anderen Teile
zusammen. Kann man mehr wollen? Ich nicht!
Abschließend bleibt mir der Hinweis auf drei herausragende
Dokumentarfilme, Marley, The Substance – Albert Hofmanns LSDund
More than Honey, und auf die
exzellenten Projektionen der Klassiker Rebel
Without A Cause, The Saga of
Anatahanund Strangers On A Train
im Kino des Frankfurter Filmmuseums, die dieses exquisite und
abwechslungsreiche Kinojahr rückblickend abrunden.
Weitere gute Filme(in chronologischer Reihenfolge):
The Ides Of
March
Sherlock
Holmes – Spiel im Schatten
J. Edgar
Coriolanus
A Dangerous
Method
Dame,
König, As, Spion
Superclassico
The Artist
Nathalie
küsst
Moonrise
Kingdom
Der Gott
des Gemetzels
Killer Joe
(Fantasy Filmfest)
Eden
(Fantasy Filmfest)
Cabin in
the Woods
Liebe (ein an sich ganz vorzüglicher Film, dem aber leider das meiner Meinung nach unnötig zugespitzte Ende sehr viel von seiner Wirkung nimmt)
Killing
Them Softly
DVD-Entdeckungen:
Out of the Blue – 22 Stunden
Angst(Spielfilmverarbeitung eines Amoklaufs in Neuseeland aus dem
Fantasy-Filmfest-Umfeld; spannend, beklemmend und intensiv)
Hunger(erste
Kollaboration von Michael Fassbender und Steve McQueen, die uns dieses Jahr Shame
bescherten. Es geht um einen Hungerstreik politischer Gefangener; kein Film für
Zwischendurch, sondern kompromissloses Kino, inhaltlich und visuell
herausfordernd)
Julia’s Eyes
(stimmungsvoller spanischer Mystery-Horror, der erst gegen Ende etwas den Faden
verliert, zuvor aber perfekt unterhält)
Hilfe, Ferien! (sympathische Familienunterhaltung für
Frankreichfans, von den Machern von "Ziemlich beste Freunde").